Gisela Schubert (Name geändert) legt Wert auf ihr Äußeres. Jeans, schwarzer Pullover, moderne Brille, blondierte Strähnen in den kurzen Haaren. Man soll ihr nicht ansehen, dass sie putzen geht. "Das wird noch immer abwertend betrachtet", sagt sie. Deshalb kleidet sich die 47-Jährige sorgfältig. "Ich achte auf Qualität, und dass man die Sachen möglichst lange tragen kann." Die allein stehende Gisela Schubert muss mit knapp 800 Euro monatlich auskommen, 354 Euro davon kostet ihre Miete. Ohne Arbeit hätte sie etwa 100 Euro weniger im Portemonnaie.

Rund 480 Euro netto verdient die Lausitzerin selbst bei einer Reinigungsfirma. Stundenlohn 6,36 Euro, Halbtagsstelle. Eine Vollbeschäftigung sei bei der Firma nicht möglich, versichert sie. 80 Prozent ihres Verdienstes werden jeden Monat bei der Arge mit dem verrechnet, was sie als Hartz-IV-Empfängerin bekommen würde. Die Differenz bekommt sie als ergänzende Hilfe ausgezahlt. Ungerecht sei das schon irgendwie, findet Gisela Schubert, zu arbeiten und nicht viel mehr in der Tasche zu haben, als wenn sie zu Hause bliebe. Doch sie will arbeiten. Zuhause, sagt sie, fiele ihr die Decke auf den Kopf. "Ich will unter Leute, sonst kann man ja gar nicht mehr mitreden." Bis 2000 hatte Gisela Schubert in ihrem erlernten Beruf als Verkäuferin gearbeitet. Es folgten zwei befristete Jobs im Großhandel, vor zwei Jahren dann die Halbtagsstelle bei der Reinigungsfirma. Eine Kollegin dort habe sogar einen Ingenieurabschluss: "Die putzt schon seit zehn Jahren."
Die Zahl der Menschen, die wie Gisela Schubert zwar arbeiten, aber von ihrem Lohn nicht leben können, wächst. In manchen Branchen ist ergänzendes Alg II durch schlechte Bezahlung und oft nur stundenweise Beschäftigung schon fast die Norm: Wachschutz, Callcenter, Friseure, Reinigungsgewerbe. "Teilzeit schafft mehr Flexibilität für die Firmen", vermutet Ralf Franke, Regionalchef der Dienstleistungswerkschaft verdi in Cottbus. Dabei sei es nicht zu verstehen, warum im Handel immer mehr Teilzeitkräfte arbeiten, die Öffnungszeiten aber länger werden. "Solange es genug Arbeitssuchende gibt, die das mitmachen, können sich die Firmen das leisten."
Im Januar waren knapp 1,1 Millionen Menschen bundesweit trotz Jobs auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Das waren 15 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. Jeder dritte davon verdient mehr als 800 Euro brutto und arbeitet in einem Vollzeitjob. Dabei gibt es ein deutliches Ost-West-Gefälle. Im Osten Deutschlands sind wesentlich mehr Menschen trotz Arbeit auf zusätzliche Sozialleistungen angewiesen.
Silke Tauber (Name geändert) gehört dazu, doch sie ist trotzdem froh über ihren Job in einem Callcenter. Sechs Stunden täglich telefoniert sie dort. 700 Euro brutto bekommt sie dafür, plus 200 Euro, wenn sie weniger als drei Tage im Monat fehlt. Doch zunächst musste sie drei Wochen lang unentgeltlich "probearbeiten". Die erste Lohnzahlung erfolgt erst Mitte des zweiten offiziellen Arbeitsmonats. "So ist das Leben", sagt sie schulterzuckend.
Bis vor knapp zehn Jahren war Silke Tauber selbstständig wie ihr Mann. Mit ihm zusammen musste sie vor einigen Wochen Hartz IV beantragen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Ihr Mann, Mitte 50, hatte als Freiberufler fast nichts mehr verdient. "Wir haben jetzt mit Hartz IV mehr als in den vergangenen Monaten davor", erklärt Silke Tauber. Stolz habe sie davon abgehalten, schon eher ergänzende Sozialleistungen zu beantragen: "Wir wollten nicht betteln."
Wieviel sie künftig jeden Monat zum Leben haben, wird Silke Tauber erst erfahren, wenn sie in Kürze ihre erste Lohnabrechnung bei der Arge eingereicht und die das Einkommen mit dem Hartz-IV-Anspruch verrechnet hat. Im Haushalt lebt noch der 17-jährige Sohn, der gerade eine Ausbildung beginnt. Mit etwa 1350 Euro netto für drei Personen, plus Miete rechnet Silke Tauber insgesamt, knapp 200 Euro mehr als ohne ihren Job: "Dafür würde mancher nicht aufstehen."
Katja, die erwachsene Tochter von Silke Tauber, kann ihren Lebensunterhalt trotz Job auch nicht ohne Zuschuss bestreiten. Die Sozialpflegeassistentin arbeitet sechs Stunden täglich im Schichtdienst in einem Alten heim und verdient damit 700 Euro netto. Knapp 200 Euro Mietzuschuss bekommt sie dazu. "Dass man hart arbeitet und davon nicht leben kann, das ist deprimierend", beklagt Katja Tauber.
Ihr Arbeitgeber habe ihr jetzt eine zusätzliche Qualifikation angeboten, verbunden mit der Verpflichtung, eine bestimmte Zeit in der Firma zu bleiben. Katja will das nutzen, um dann auch mehr zu verdienen. Unter dem Strich wird sie dann kaum mehr Geld zur Verfügung haben, aber das ist dann komplett selbst verdient. Das ist der jungen Frau wichtig: "Ich will weg vom Amt."
Auch Gisela Schubert, die täglich vier Stunden putzt, würde gern von eigener Arbeit ihr Leben bestreiten. Obwohl alle Bemühungen um einen Vollzeitjob bisher gescheitert sind, gibt sie die Hoffnung nicht auf. "Ich denke aber nicht mehr weit in die Zukunft und versuche, das Beste aus meiner Situation zu machen." In Wut gerät sie, wenn sie politische Debatten über einen Mindestlohn in Deutschland hört. Dass der nötig ist, daran gibt es für sie keinen Zweifel. Die Gewerkschaften fordern 7,50 Euro pro Stunde als Minimum. Das sind 1,14 Euro mehr als Gisela Schubert beim Putzen verdient.