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Das große Schweigen im Klinikum Frankfurt (Oder)

Das Klinikum im Frankfurter Ortsteil Markendorf gleicht seit gestern einer Festung. Keinerlei Informationen werden herausgegeben, unbequeme Fragesteller dürfen gar nicht erst auf das Gelände. Von jeanette bederke

Dabei ist es in der medizinischen Einrichtung, die jährlich bis zu 27 000 Patienten stationär betreut, in jüngster Vergangenheit zu mysteriösen Todesfällen gekommen, die alle mit der heimtückischen Legionärskrankheit in Verbindung gebracht werden.
Was die Sache so brisant macht: Der Infektionsherd soll sich innerhalb des Klinikums befinden. Ins Visier geraten ist die weitverzweigte Warmwasseraufbereitungsanlage des neuen, erst Ende letzten Jahres in Betrieb genommen Bettenhauses mit 910 Plätzen. Das wirft Fragen auf, die jedoch unbeantwortet bleiben.
„Verlassen Sie sofort das Klinik-Gelände. Das ist Privateigentum“, tritt der wachsame Pförtner Medienvertretern entgegen. Auch Kamera-Aufnahmen hinter dem Barrierebalken will er nicht zulassen. Zutritt haben nur Mitarbeiter, ambulante Patienten sowie Besucher.

Vertrauen verloren
Gerade letzteren sitzt der Schreck in den Gliedern. „Wir haben hier alle Angehörige im hohen Alter. Da ist man natürlich besorgt, ob die sich auch anstecken könnten“, meint eine Besucherin aus Seelow. Gerade betagte, ohnehin schon geschwächte Menschen sind besonders anfällig für eine Legionellose-Infektion. Das Klinikum, meint die sichtlich nervöse Seelowerin noch, müsse doch zu eventuellen Versäumnissen stehen. Dabei wirft sie einen sorgenvollen Blick auf das Bettenhaus, dass mit seiner frischen, hellen Fassade so sauber und steril wirkt, es aber augenscheinlich nicht ist.
„Da verliert man doch das Vertrauen, kann nicht mehr ruhigen Gewissens ins Krankenhaus gehen“, wettert eine Frankfurterin, die ebenfalls auf dem Weg zu einem im Bettenhaus liegenden Angehörigen ist. Sie selber würde sich ohnehin nur im evangelischen Lutherstift von Frankfurt behandeln lassen. „Da wird man von den Krankenschwestern noch richtig umsorgt und ist nicht bloß eine Nummer.“ Ein anderer Besucher überlegt, ob er seine kranke Mutter nicht vorsichtshalber aus dem Klinikum in eine andere medizinische Einrichtung verlegen lassen sollte. „Da haben wir zwar weitere Anfahrtswege, aber vielleicht auch mehr Sicherheit“, meint der Mann aus der Oderstadt.

Anonyme Anzeige
Die Verunsicherung ist spürbar und sie wird verstärkt durch das hartnäckige Schweigen des Klinikums, das im vergangenen Jahr aus städtischem Besitz an die Rhöne-Kliniken verkauft wurde. Und deren Leitung holt augenscheinlich zur Gegenwehr aus. Sie soll sich mit dem Gedanken tragen, die Staatsanwaltschaft wegen Geschäftsschädigung zu verklagen. Die Behörde hätte in einem schwebenden Ermittlungs-Verfahren keine Informationen herausgeben dürfen, lautet der Vorwurf.
„Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung fußen allein auf einer anonymen Anzeige“, informiert die Staatsanwaltschaft, die mit dem Sachverhalt erst nach Medienanfragen an die Öffentlichkeit gegangen war. „Wir selbst haben bisher keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten der Klinik-Leitung“, bestätigt Staatsanwalt Ulrich Scherding. Seinen Angaben nach müsse nunmehr geprüft werden, ob durch eine Infektion mit Legionellen im Frankfurter Klinikum laut Anzeige bis zu sechs Todesfälle verursacht wurden. Diese Ermittlungen können sich laut Scherding monatelang hinziehen. Unterdessen listet das städtische Gesundheitsamt jedoch ganz andere Zahlen auf. Demnach war es im Dezember vergangenen Jahres und im Januar 2003 zu einer ersten Infektionswelle mit insgesamt sieben erkrankten Patienten gekommen. Just zu diesem Zeitpunkt, als das neue Klinikum-Bettenhaus bezogen wurde.
Eine Frau war damals nach Informationen des Gesundheitsamtes gestorben. Die Legionärskrankheit soll jedoch nicht die Todesursache gewesen sein. Gegenüber der Öffentlichkeit wurde der Vorfall offensichtlich vertuscht, intern fieberhaft nach der Infektionsquelle gesucht. Bisher ohne Ergebnis.

Duschverbot erteilt
Neue Erkrankungsfälle im Klinikum gab es Anfang des Monats, bestätigt Heinz-Dieter Walter, Sprecher der Frankfurter Stadtverwaltung. Da die Legionellose meldepflichtig ist, sei das Gesundheitsamt ab dem 1. Juli informiert worden. Demnach war eine 66-jährige Patientin aus dem Oder-Spree-Kreis während ihres Krankenhausaufenthaltes an einer Lungenentzündung erkrankt. Nach Urinuntersuchungen konnten bei ihr Legionellen nachgewiesen werden. Die Frau verstarb wenige Tage später ebenso, wie eine 73-jährige Patientin mit den gleichen Symptomen und Krankheitsbildern.
Noch immer mit Antibiotika behandelt wird gegenwärtig eine 80-jährige Frau, die nach zehntägigem Klinik-Aufenthalt an einer durch Legionellen hervorgerufenen Lungenentzündung erkrankte. Die bisher letzte Infektion wurde nach Angaben des Frankfurter Gesundheitsamtes am 10. Juli gemeldet. Ein 70-jähriger Mann, wegen anderer Gesundheitsschäden ins Klinikum eingeliefert, leidet nunmehr auch an der gefährlichen Lungenerkrankung. Sein Urinbefund war ebenfalls positiv. „Wir gehen davon aus, dass im Klinikum alles Menschenmögliche getan wird, um den Infektionsherd schnellstens zu finden und die Wasserversorgung keimfrei zu machen“, sagt Stadtsprecher Heinz-Dieter Walter. Laut Gesundheitsamt erging nach den jüngsten Fällen ein Duschverbot in dem betreffenen Gebäudetrakt, außerdem wurden in 22 Bädern Sterilfilter installiert. Die in Verdacht stehende Warmwasseraufbereitungsanlage wird seit dem 11. Juli gereinigt und saniert.
Die gesamte Einrichtung aufgrund der Krankheitsfälle zu schließen, um gezielt nach dem Infektionsherd zu suchen und keine weiteren Patienten zu gefährden, sei Sache des Klinikums, erklärt der Rathaus-Sprecher. Unklar ist aufgrund des hartnäckigen Schweigens der Klinik-Leitung, warum diese Vorsichtsmaßnahme bisher nicht ergriffen wurde. Abwarten wollen die Behörden nun nicht mehr. In der kommenden Woche wird sich nach Informationen Walters eine Expertenkommission aus Vertretern des Brandenburger Gesundheitsministeriums und Spezialisten des Berliner Robert-Koch-Institutes vor Ort darum kümmern.