Sigrid Lohr weiß, dass es kein leichter Job ist, den sie im Sommer als Oberstufenkoordinatorin im Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus antreten soll. Nicht wegen der fachlichen Anforderungen könnte es hart werden, die sind Sigrid Lohr vertraut. Doch seit einer Schulkonferenz Ende Februar, auf der sich die vorgesehene neue Oberstufenkoordinatorin und die künftige stellvertretende Schulleiterin vorstellten, wissen beide: Sie sind nicht willkommen. Im Gegenteil: Ihnen schlägt heftige Ablehnung entgegen.
Der Grund dafür ist nicht persönlicher Art. Vorgehalten wird ihnen, dass beide bisher nicht Sorbisch sprechen und auch keine persönliche Beziehung zum Sorbentum haben. Sigrid Lohr sieht darin kein Hindernis: „Ich bin natürlich bereit Sorbisch zu lernen und mich den Bräuchen und Traditionen zu öffnen.“ Das für Südbrandenburg zuständige staatliche Schulamt in Cottbus, das durch Schulschließungen überzähliges Leitungspersonal unterbringen muss, hatte beiden Lehrerinnen angeboten, an die sorbische Schule zu wechseln.

Kooperation mit Sorben
Dort tätige Pädagogen, der Sorbische Schulverein und die sorbische Dachorganisation Domowina fühlen sich durch diese Entscheidung brüskiert und sehen ihre Interessen verletzt. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass in die Leitung einer sorbischen Schule nur Pädogogen gehören, die Sprachkenntnis und einen persönlichen Bezug zu dieser slawischen Minderheit mitbringen.
Schließlich sollen sie ja die Schule nach außen vertreten und mit sorbischen Institutionen zusammenarbeiten. Die Kommunikation dort erfolge grundsätzlich in sorbischer Sprache, heißt es in einer Resolution des Bundesvorstandes der Domowina an das Schulamt. In dem Papier spricht sich die Sorbenorganisation ganz klar dagegen aus, dass erstmals seit Gründung der Schule vor 55 Jahren Lehrkräfte in die Leitung berufen werden, die „weder der sorbischen Sprache mächtig sind, noch sich mit dem sorbischen Volk in irgendeiner Weise verbunden fühlen“ .
Werner Bursian will indes darin gar keinen Konflikt sehen. Er ist Schulrat und für die umstrittene Personalie zuständig. „Es gab da verschiedene Meinungen, jetzt ist alles geklärt“ , versichert er. Die Schule habe ihre Ablehnung gegen die beiden deutschsprachigen Kolleginnen geäußert, jedoch mit ihren Argumenten das Schulamt nicht überzeugt. „Mangelnde Sprachkenntnis lässt sich heilen, mangelnde Leitungskompetenz nicht“ , verteidigt Bursian die beschlossenen Versetzungen. Ebenso klar sei jedoch, dass der Schulleiterposten ausgeschrieben und nur an einen Sorbisch sprechenden Bewerber vergeben werden sollte. Die Empörung am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus wird das jedoch kaum dämpfen. Verständlich wird der breite Unmut, wenn man sich die Situation der sorbischen Sprache in der Region anschaut.
In der sächsischen Oberlausitz gibt es sechs sorbische Grundschulen, fünf - ab dem Sommer noch vier - Mittelschulen, ein Gymnasium. Mehr als eintausend Kinder lernen von kleinauf Sorbisch. Für eben so viele ist es Fremd- oder Zweitsprache. „Neue Schüler ohne Sorbischkenntnisse sind hier eine absolute Ausnahme“ , sagt Theresia Schön, Leiterin des Obersorbischen Gymnasiums in Bautzen. Im vorigen Jahr waren es zwei von vierzig Neuzugängen.
Am Niedersorbischen Gymnasium sieht es ganz anders aus. Der amtierende Schulleiter Werner Müller, der im Sommer in den Ruhestand geht, erinnert sich an 60 bis 70 Prozent neuer Schüler mit Sorbischkenntnissen zu DDR-Zeiten. „Da kamen viele von den Dörfern, die mit ihren Großmüttern noch Sorbisch gesprochen haben“ , sagt Müller, der selbst erst mit sechs Jahren Deutsch lernte. Inzwischen haben die deutschsprachigen Kinder unter den Neuzugängen die Oberhand. Nur noch 40 Prozent bringen Sorbischkenntnisse mit. Die umfangreich ausgebaute Bildungseinrichtung hat einen fachlich sehr guten Ruf, doch mit einem weiteren Rückgang der Sprachkompetenz droht ihr eine Reduktion des sorbischen Charakters auf Brauchtumspflege.
Dem stellen sich Schulleitung und Lehrerschaft seit Jahren bewusst entgegen. Zweisprachig unterrichtet wird zwar nur in bestimmten Fächern in Leistungsprofilklassen, doch im Schulalltag soll das Sorbische als Umgangssprache eine immer größere Rolle spielen, so das von Schulleiter Müller klar formulierte Ziel: „Schüler, die zur Schulleitung kommen, müssen beispielsweise ihr Anliegen auf Sorbisch formulieren.“ Dass sie dann auf eine stellvertretende Schulleiterin oder eine Oberstufenkoordinatorin treffen, die sie nicht verstehen, ist für Müller undenkbar.

Sechs Kinder aus dem Witaj-Projekt
Ab September werden auch mindestens sechs Kinder aus dem Witaj-Projekt an das Niedersorbische Gymnasium wechseln. „Die bringen dann sechs Jahre Sorbisch- und bilingualen Fachunterricht mit.“ Erste Erfolge dieses vor zehn Jahren vom Sorbischen Schulverein auf die Beine gestellten Projektes zur zielgerichteten Förderung der sorbischen Sprache vom Kleinkindalter an erreichen nun die Oberstufe.
In wenigen Jahren, so vermutet Müller, werde das Witaj-Projekt dank reger Nachfrage im Grundschulbereich in der Niederlausitz schon Sorbischlehrer suchen. Die müssten aus den Reihen der Absolventen des Gymnasiums kommen. „Wie wollen sie aber junge Leute für diese Ausbildung motivieren, wenn hier gerade die sorbische Schulleitung demontiert wird“ , sagt der Gymnasiumschef. Heute Abend wird das auch Thema in der Vorstandssitzung des Sorbischen Schulvereins sein. „Das gibt noch richtig Krach“ , kündigt die Vorsitzende Ludmila Budar an. Sie sieht das Witaj-Konzept durch solche Entscheidungen wie in Cottbus gefährdet. „Wir wollen kein Volk von Ostereiermalern ohne lebendige Sprache sein.“ Vor zwei Jahren hätte sich in Bautzen am Obersorbischen Gymnasium auch jemand für einen Leitungsposten beworben, der nicht gut Sorbisch sprach. Nach Intervention des Schulvereins beim sächsischen Kultusministerium sei das Bewerbungsverfahren gestoppt und ein Muttersprachler kommissarisch eingesetzt worden. Der hole jetzt fehlende Leitungsqualifikationen nach. Über einen Personalentwicklungsplan würden in Sachsen Sorbischlehrer für Leitungsjobs aufgebaut, sagt Budar. „Die sind dann da, wenn man sie braucht.“
In Cottbus war das offensichtlich nicht der Fall. Ende 2005 wurde die Leiterstelle für das Niedersorbische Gymnasium ausgeschrieben, weil der Amtsinhaber 2006 in Pension ging. Die Ausschreibung wurde zurückgezogen, wie Schulrat Bursian sagt, um einem internen Bewerber Zeit für eine notwendige Zusatzqualifikation zu geben. Doch schon damals war klar, dass der übergangsweise eingesetzte Werner Müller und ebenso die Oberstufenkoordinatorin im Sommer 2007 in Ruhestand gehen. Schulleiter Müller versichert, deshalb oft im Schulamt nachgefragt zu haben. Er habe aber nur Vertröstungen zu hören bekommen.
Inzwischen wächst der Widerstand gegen die Entscheidung des Schulamtes. Am Freitag schickte die Schulkonferenz einen Protestbrief gegen die geplante Stellenbesetzung an den brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) und Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD). Die Wucht des Unmutes scheint im Bildungsministerium angekommen zu sein. „Das Verfahren zur Besetzung der Stellen ist noch nicht endgültig abgeschlossen“ , sagt Ministeriumssprecher Stephan Breiding.