Die Bezeichnung „Super-Schock“ auf dem polnischen Böller scheint Programm zu sein. „Der hat eine verheerende Wirkung“, sagt der Frankfurter Pyrotechniker Carsten Teller, während er das Feuerwerk mit Kennerblick mustert. Der erfahrene Fachmann deutet auf den Latexverschluss des Böllers, der deutliche Risse aufweist. „Wenn Du den jetzt anzündest, kommst Du nicht mehr dazu, den noch wegzuwerfen. Er explodiert Dir sofort in der Hand“, macht Teller deutlich.

Und die dürfte dann erheblich verletzt werden. Denn im Gegensatz zu den in Deutschland zugelassenen Feuerwerkskörpern enthalten die Billigböller, die überall in Polen zu bekommen sind, in der Regel Ammoniumnitrat mit einer 40-prozentigen Sprengkraft von TNT. „Handhabungssicher sind die Dinger alle nicht. Die sogenannten Verzögerungszeiten bis zur Detonation sind nicht bestimmbar“, sagt der 59-Jährige. Zum Vergleich: Die legalen Knaller mit dem Prüfzeichen der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) dürfen je nach Größe lediglich zwei bis sechs Gramm Schwarzpulver enthalten. Das zusätzliche CE-Zeichen nebst Registriernummer ist ein Hinweis darauf, dass das Feuerwerk auf Sicherheit kontrolliert worden ist.

Und genau diese Unterschiede in der Zusammensetzung sind es nach Ansicht Tellers gerade, die neben dem günstigen Preis ausschlaggebend für den Kauf der illegalen Böller sein dürften. „Es muss ohrenbetäubend knallen, dass der Boden bebt und sich andere Leute möglichst erschrecken“, fasst er seine Erfahrungen kopfschüttelnd zusammen. Hauptsächlich junge Männer werden laut Zoll mit der explosiven Schmuggelware erwischt, deren Einfuhr aus Sicherheitsgründen verboten ist.

Die Versuchung ist auch deshalb groß, weil die Böller östlich der Oder ganzjährig verkauft werden, sagt Andreas Behnisch, Sprecher des Hauptzollamtes Frankfurt (Oder). „Wir haben so auch das ganze Jahr über Funde bei unseren Stichpunktkontrollen im deutschen Grenzhinterland.“ Seit Mitte November aber vergehe kein Tag, ohne das Zöllner illegale Böller im Gepäck von Reisenden finden. „So schlimm war es noch nie“, sagt Behnisch.

Besonders erschreckend: mehrere Aufgriffe gab es von gleich Tausenden nicht erlaubten Feuerwerkskörpern auf einen Schlag. „Tonnenweise Sprengstoff auf Rädern - ein echter Gefahrguttransport ohne jede Sicherung“, beschreibt der Zollsprecher. Sprengstoff-Spezialisten, die normalerweise militärische Munition entsorgen, holen die aus dem Verkehr gezogenen Silvestergeschosse in regelmäßigen Abständen beim Zoll ab. In diesem Jahr wohl noch häufiger als sonst. Böller würden in solchen Massen beschlagnahmt, dass die Bilanz des Vorjahres - rund 73 000 Stück - bis zum Jahreswechsel weit übertroffen werden dürfte, schätzt Behnisch. Allerdings: „Wer einmal von uns erwischt wurde, ist offenbar geheilt. Wir haben kaum Wiederholungstäter“, sagt er.

Denn illegale Knaller werden nicht nur beschlagnahmt, der ertappte Schmuggler muss auch die Vernichtungskosten zahlen. Gegen ihn werde ein Strafverfahren wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz eingeleitet, das nicht selten vor Gericht ende. „Und da geht es dann um empfindliche Geldstrafen. Spätestens dann wachen viele auf“. Zöllner haben laut Behnisch auch schon sogenannte Batterie-Böller beschlagnahmt, die die vorgeschriebenen Sicherheitszeichen aufwiesen. Entscheidend war dabei die ausgewiesene Kategorie der Gefährlichkeit. „Bis Klasse 2 und einer Nettoexplosiv-Masse von 500 bis 600 Gramm ist die Verwendung auch durch Laien erlaubt, ab Klasse 3 aber dürfen die Knaller nur erfahrene und entsprechend ausgebildete Feuerwerker zünden“, erläutert er.

Dass es mit polnischen Fabrikaten auch ganz legal und sicher zugehen kann, zeigt Feuerwerker Teller in seinem Lager. Dort stehen sogenannte Großfeuer-Batterien zum Stückpreis von 15 bis 30 Euro der polnischen Firma „Jorge“ inklusive der vorgeschriebenen Prüfzeichen, der Ausweisung der Kategorie 2 und Sicherheitshinweisen in mehreren Sprachen. „Die Firma hat zwei Feuerwerk-Fabriken in China gekauft und lässt dort produzieren. Diese Feuerwerke sind gut, sicher, mit schönen Effekten sowie einem ordentlichen Preis-Leistungs-Verhältnis“, sagt der staatlich zertifizierte Pyrotechniker, der zu Silvester auch selbst Feuerwerk verkauft. Aber: Die illegalen Böller in Großbatterieformat kosten östlich der Oder nur fünf bis sechs Euro.