. Wer die Tür zu dem Tattoo-Studio Stichpunkt in der Innenstadt von Elsterwerda (Elbe-Elster) aufschwingt, betritt einen großen, hellen Raum. Rechts eine Sitzecke, an den Wänden Bilder, frontal eine Ladentheke. Im Studio von Jan Wirl läuft Musik. Unter die rockigen Töne mischt sich aber noch ein weiteres, eher sonores Geräusch. Tätowierer Wirl taucht die Nadel der Maschine in einen fingerhutgroßen Farbbecher. Wenn er die farbgetränkte Spitze auf die Haut seiner Kunden setzt, ist das Bild, das er auf den Körper bringen will, in seinem Kopf schon fertig.

"Du hast nur eine Chance, um das Bild auf die Haut zu bringen", sagt er. Wirl ist über das Zeichnen zum Tätowieren gekommen. Das war vor ungefähr zehn Jahren. Damals war er 29 Jahre alt. Ein Alter, in dem viele Tätowierer schon ein Jahrzehnt Berufserfahrung haben. "Dafür ging dann alles sehr schnell", erinnert er sich. Nach nur knapp zwei Jahren übernahm Wirl die Leitung eines Studios.

Seine Kunden kommen von überall her. Viele aus der Region, manche auch von weiter her. Wer sich einmal ein Tattoo hat stechen lassen und mit dem Ergebnis zufrieden war, wechselt das Studio in aller Regel nicht mehr. Das ist ein bisschen wie mit dem Zahnarzt. "Ich habe einen Kunden, der wohnt in Köln. Trotzdem kommt der regelmäßig zu mir nach Elsterwerda", sagt Wirl.

Auch Rico kommt regelmäßig. Der 19-jährige Lagerarbeiter absolviert an diesem Tag seine dritte Sitzung. Zehn Stunden hat er schon auf dem Tisch und unter der Nadel gelegen. Der groß gewachsene Bad Liebenwerdaer lässt sich einen Drachen stechen, der sich später einmal um sein Bein ranken wird. Das grüne Fabelwesen besteht aus vielen kleinen Details. Jede einzelne Rücken-Schuppe des feuerspuckenden Tieres muss einzeln gestochen werden.

Bevor Wirl mit der Arbeit beginnt, schaut er sich das halb fertige Tattoo an. Er überprüft, ob sich die Haut wieder erholt hat und ob die Linien sauber gezogen sind. Vor und nach dem Tätowieren wird die Haut mit Vaseline eingerieben. "Alles gut", sagt er. "Dann können wir ja heute den Rest machen." Rico liegt auf dem Rücken. Als die Nadel die Haut berührt, verzieht er leicht das Gesicht. "Das geht schon. Schlimm wird es erst nach zwei, drei Stunden", sagt er.

Ein bisschen geht es in einem Tattoo-Studio zu wie in einem Friseursalon. Geschichten werden erzählt, Bilderbücher mit Motiven durchblättert und über aktuelle Trends gesprochen. Eine dieser Modeerscheinungen - das Arschgeweih auf dem Steiß - gilt mittlerweile als ausgestorben. "Das wird nicht mehr verlangt", sagt Wirl. Sein letztes habe er vor drei Jahren gestochen. Gefragt sind derzeit Porträts. "Das ist die Königsklasse", sagt er. Zum einen sind die Motive sehr detailreich. Zum anderen sind die Kunden bei Porträt-Tattoos sehr pingelig. Da sollte der Unterschied zwischen Fotovorlage und Original nicht allzu groß sein. Im Gegensatz zu anderen Motiven sind diese Bilder oft auch emotional aufgeladen. Einmal, so Wirl, stand ein 63-jähriger Mann im Laden. Er wollte sich zwei Porträts stechen lassen. Er hatte Fotos von seiner Tochter und eines von seiner Enkelin dabei - beide waren kurz zuvor gestorben. "Wenn du so etwas hörst, baust du automatisch eine enge Beziehung zu den Kunden auf", sagt er.

Rico liegt mittlerweile seit zwei Stunden in derselben Position. Der Drache hat ein paar grüne Schuppen mehr bekommen. Die Maschine summt. Nadelstich um Nadelstich wird die grüne Farbe in Ricos Haut gejagt. Das passiert 800- bis 7500-mal pro Minute - je nach Maschine, die verwendet wird. "Schwierig wird es, wenn der Kunde eine Nadelphobie hat", sagt Wirl, während er auf Ricos Bein Wundwasser aus einer Drachenschuppe wischt.

Wenn der Drachen einmal fertig ist, werden in dem Kunstwerk 20 Arbeitsstunden stecken. Zwischen den Sitzungen liegen oft mehrere Wochen, in denen sich die Haut wieder erholen soll. "Ich sage den Leuten immer wieder, dass sie sich die Motive genau raussuchen sollen. Immerhin hast du sie für den Rest des Lebens auf der Haut", erklärt er.

Rico hat sich schnell entschieden. Angefangen hatte er mit einem Totenschädel auf dem linken Oberarm. Da war er 17 Jahre alt und brauchte noch die Einverständniserklärung von seinem Vater. Dann folgten auf dem rechten Oberarm das Bild eines japanischen Kois und nun der Drachen. "Das ist eine Sucht. Ich überlege jetzt schon, wo ich das nächste Tattoo stechen lasse", sagt Rico nach drei Stunden mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Prinzipiell versuche er seinen Kunden nichts auszureden, sagt Wirl. Er versuche aber immer, beratend zu beeinflussen. "Beliebt sind derzeit auch Partner-Tattoos. Davon rate ich aber ab. Beziehungen können in die Brüche gehen. Der Körperschmuck aber bleibt.". Für sich selber hat Tätowierer Wirl eine noch radikalere Entscheidung getroffen. Er ist einer der wenigen Tätowierer, die selbst keine Körperbemalung tragen. Bisher habe sich das einfach noch nicht ergeben, sagt er.