Was bedeutet das für die Versorgungen der Pflegebedürftigen in den Altenheimen? Darüber sprach die RUNDSCHAU mit dem Präsidenten des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), Bernd Meurer.

Herr Meurer, Sie betreiben selbst drei Pflegeheime in Bayern und Rheinland-Pfalz. Wird der Pflegeberuf künftig attraktiver, wie die Befürworter der Neuregelung sagen?
Meurer Nein. Für die Auszubildenden und für die Ausbildungsbetriebe wird es komplizierter. Die Altenpflegeausbildung ist derzeit schon für die Mehrheit der jungen Menschen, aber auch zahlreiche Umschülerinnen und Umschüler die attraktivste unter den Pflegeberufen. Das beweisen die zweistelligen Zuwachsraten, während die Ausbildungszahlen in der Krankenpflege rückläufig und absolut geringer sind.

Das heißt, Sie erwarten nicht mehr Interessenten für die Ergreifung des Pflegeberufs?
Meurer Wäre die Generalistik allein gekommen, hätte es sicher weniger Hauptschülerinnen und Hauptschüler gegeben, die sich für den Beruf entschieden hätten. Jetzt haben wir zumindest noch die Chance, Ihnen einen eigenständigen Abschluss zu ermöglichen. Diese Reform wird sicher nicht zu einem Mehr an Auszubildenden führen.

Viele Pflegeheime stöhnen unter Personalmangel. Das liegt doch wohl auch an der schlechten Bezahlung der Pflegekräfte im Vergleich etwa zu denen in den Kliniken, oder?
Meurer Zuerst einmal muss man sagen, dass die Altenpflege derzeit gerade einen Job-Boom erfährt. Allein im letzten Jahr gab es hier 100 000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs. Im Übrigen kämpft nicht nur die Altenpflege mit einem Fachkräftemangel sondern zum Beispiel auch das Handwerk. Nur dort kommt niemand auf die Idee, unterschiedliche Ausbildungsberufe zu verschmelzen.

Lässt die geplante Reform eine Angleichung der Entlohnung erwarten?
Meurer Wenn es nur so einfach wäre. Wie Sie wissen, refinanziert sich das Krankenhaus anders als ein Pflegeheim. Die Krankenversicherung ist eine Vollkaskoversicherung, die Pflegeversicherung eine Teilkaskoversicherung. Hier zahlen also die Pflegebedürftigen und die Städte und Kommunen über die Sozialhilfe mit. Höhere Bezahlung heißt, für die wird es teurer.

Bis zur Bundestagswahl am 24. September sind nur noch ein paar Monate Zeit. Gehen Sie davon aus, dass der Kompromiss noch rechtzeitig vom Parlament verabschiedet wird?
Meurer Jetzt kommt es wirklich auf die Details an. Wie wird der Wechsel zwischen den Ausbildungsträgern im dritten Jahr organisiert, gibt es künftig noch eine einjährige Helferausbildung, wie ist der Praxisanteil geregelt? Und vieles mehr. Sich jetzt vom 24. September abhängig zu machen, bloß weil man sich unter Zeitdruck setzt, hielte ich für grob fahrlässig. Hier geht es um eine zentrale Zukunftsfrage unserer Gesellschaft, die löst man nicht im Schweinsgalopp.

Mit Bernd Meurer

sprach Stefan Vetter

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Der Pflege-Bevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU, Foto), setzt nach dem Koalitionskompromiss zur Pflegeausbildung auf eine vollständige Neuausrichtung des Bereichs. Er sei zuversichtlich, dass eine generalistische Pflegeausbildung künftig für alle verbindlich werde, sagte Laumann der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Fraktionen von Union und SPD hatten sich in der vorigen Woche darauf verständigt, dass die Auszubildenden ab 2019 anders als heute mit einer zweijährigen generalistischen Pflegeausbildung beginnen. Nach zwei Jahren sollen die Auszubildenden die generalistische Ausbildung fortsetzen oder den bisherigen Abschluss als Alten- oder Kinderkrankenpfleger wählen können. Einen Einzelabschluss in der Krankenpflege soll es nicht mehr geben. Sechs Jahre nach Beginn der neuen Ausbildung soll entschieden werden, ob die eigenständigen Berufsabschlüsse zugunsten einer nur noch generalistischen Ausbildung aufgegeben werden. Laumann erklärte, er hätte sich mehr Mut gewünscht, doch es liege ein gangbarer Kompromissvorschlag vor. "Der Weg zur Generalistik mit einem gemeinsamen Berufsabschluss für alle ist damit geebnet." Die praktischen Einsätze der Auszubildenden müssten nun in jedem Fall in allen Versorgungsbereichen erfolgen. Er sei hoffnungsvoll, dass die Betroffenen mit großer Mehrheit die generalistische Ausbildung einschlagen.