Die gute Nachricht vorweg: Nach einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weisen 94 Prozent einen sehr guten bis guten allgemeinen Gesundheitszustand auf. Etwa jedes fünfte Kind im Alter zwischen drei und 17 Jahren hat jedoch psychische Auffälligkeiten. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte sieht das mit Sorge. Nach Einschätzung von Verbandschef Wolfram Hartmann werden diese Kinder nur mangelhaft betreut. 20,2 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind anfällig für psychische Probleme. Dazu zählen in erster Linie Angststörungen, Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen sowie mangelnde Ausdauer und überschießende Aktivität.

Wie in vielen anderen Bereichen spielt auch hier die soziale Herkunft eine entscheidende Rolle. Sind die Eltern arm und obendrein noch wenig gebildet, dann liegt das Risiko für psychische Störungen der Kinder bei mehr als 33 Prozent. Unter den Altersgenossen mit hohem Sozialstatus sind es dagegen nur knapp zehn Prozent.

"Diese Daten sollten Anlass zu weiteren präventiven Anstrengungen sein", erklärte Professor Klaus Keller von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. Nach seiner Erfahrung bleiben psychische Auffälligkeiten viel zu oft unbehandelt. So hätten nur 11,8 Prozent der grenzwertig auffälligen und 18,6 Prozent der als auffällig klassifizierten Kinder und Jugendlichen vor der Befragung Kontakt zu einem Psychologen oder der Jugendhilfe gehabt.

Häufig rächt sich das mit zunehmendem Alter. "Ein Großteil derjenigen, die als Kind auffällig sind, haben ab dem Jugendalter oder als Erwachsene behandlungsbedürftige Symptome", berichtete Kinderärzte-Verbandschef Hartmann. Die Vorsorge sei hier völlig unzureichend. So fehlten zum Beispiel flächendeckende Beratungsangebote. Im geplanten Präventionsgesetz, das der Bundestag voraussichtlich in der kommenden Woche verabschieden will, spiele das Thema keine Rolle.

Zu den besonders stark Benachteiligten zählt der Verband in diesem Zusammenhang die Flüchtlingskinder. Sie seien zum großen Teil traumatisiert. "Auf diese Migranten sind wir aber überhaupt nicht vorbereitet", meinte Hoffmann. Ginge es nach der UN-Kinderrechtskonvention, dann hätten die Betroffenen den gleichen Versorgungsanspruch wie einheimische Kinder. Tatsächlich dürfen die Kinderärzte in Deutschland aber nur akute Behandlungen vornehmen und nicht vorbeugend aktiv werden. Der Bundesregierung warf Hartmann zudem eine falsche Bedarfsplanung vor. Obwohl die Aufgaben und Anforderungen der niedergelassenen Kinderärzte nach seiner Darstellung immer weiter steigen, ist ihre Zahl in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 350 auf rund 5900 gesunken.

Und die haben es auch immer öfter mit älteren, verunsicherten Müttern zu tun, die bei ihren Kindern Krankheiten vermuten, die gar keine sind. "Manche Kinder können mit zehn Monaten frei laufen, andere mit 18 Monaten. Beides ist normal", illustrierte der Verbandschef das Problem. Statt auf kompetente Beratung zu vertrauen gebe es unter verunsicherten Eltern aber "geradezu einen Wettbewerb, was kann mein Kind, was kann deins".