Monika Howack, 58, aus Cottbus, ist noch heute erschüttert, wenn sie an diesen Moment zurückdenkt. "Georg war mein Bruder. Was genau mit ihm passiert ist, haben wir über Jahrzehnte hinweg nicht gewusst." Bis der spanische Journalist Raúl Riebenbauer und der Dokumentarfilmer Joan Dolç sich vor einigen Jahren daranmachten, das Schicksal des letzten in Spanien hingerichteten Mannes nachzuzeichnen. Die Spur führte den Journalisten in die Lausitz. "Raúl rief aus Spanien an und kündigte seinen Besuch an. Da dachten wir, er bringt uns den Georg zurück."

Georg Welzel, 1944 in Cottbus geboren, als ältester von drei Geschwistern. Der Vater hatte die kleine Familie früh verlassen, "für uns war Georg Vaterersatz", sagt sein jüngerer Bruder Peter, heute 59. "Wir sind am Großen Spreewehr aufgewachsen, konnten in dieser einsamen Gegend unsere Fantasie spielen lassen." Freiheitsdrang bei den Brüdern, Monika schildert sich selbst als das "Mauerblümchen."

Während einer Lehre lernte der 17-jährige Georg seine spätere Lebensgefährtin Christa kennen. Sie wurde schwanger, "als sie im achten Monat war, zog sie zu uns", erinnert sich Monika. "Ich habe mich immer um ihre Kinder gekümmert." Denn bald wurde Christa wieder schwanger - und Georg musste wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis. Seine Schwester: "Sofort war der ABV bei uns. Hat die Wohnung durchsucht, alles mitgenommen, was irgendwie nach Westen aussah."

Nach seiner Haftentlassung versuchte Georg noch zweimal, in die ersehnte Freiheit zu gelangen, beide Male vergeblich. "Nach der dritten Verhaftung wollte er sich das Leben nehmen", sagt sein Bruder Peter. "Erfahren haben wir das später aus den Stasi-Akten." Doch Georg hatte Glück im Unglück: 1972 wurde der damals 26-Jährige von der Bundesrepublik freigekauft. Er fand Arbeit, schrieb seiner Mutter zunächst aus Köln, später aus Brüssel. Dann verlor sich seine Spur.

Ein Blick in die spanischen Militär-Akten jener Zeit: Am 12. Dezember 1972 überschritt ein junger Mann bei Portbou die Grenze von Frankreich nach Spanien. Am 19. Dezember gegen 16 Uhr betrat er die Bar eines Campingplatzes in der Mittelmeerprovinz Tarragona und bestellte Kaffee. Er hatte ein Jagdgewehr dabei. Wenig später erschien der 26-jährige Polizist Antonio Torralbo Moral in der Bar. Als der Mann mit Gewehr den Uniformierten sah, feuert er zweimal. Torralbo war sofort tot.

Der Schütze wird am nächsten Morgen gestellt. Er gibt sich als Heinz Ches aus, 33 Jahre alt, ledig, polnischer Staatsbürger.

Heinz Ches ist in Wirklichkeit Georg Welzel, 28. Er wird von einem spanischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wird am 2. März 1974 vollstreckt. Ches alias Georg Welzel ist der Letzte, der in Spanien mit dem Würgeeisen, auch Garotte genannt, hingerichtet wird.

Bis heute wissen weder seine Kinder noch seine Geschwister, warum er bis zum Tod an seiner falschen Identität festgehalten hat. In dem Film des Spaniers Joan Dolç wird Welzels Rechtsanwalt zitiert. Er spricht von "einer verlorenen Seele", von einem, "der immer auf der Flucht" war. Auch der Priester, der in der Nacht vor seinem Tod mit Welzel zusammensaß, sagte den Angehörigen später: "Er war ganz ruhig. Als ob er nicht mehr leben wollte."

Für die Cottbuser Familie besonders tragisch: "Er hat uns schützen wollen vor einer möglichen Stasi-Verfolgung." Dabei, so Zeitzeugen, hätte er der Hinrichtung durchaus entgehen können. Ein DDR-Flüchtling hätte im faschistischen Spanien auf Gnade hoffen können. So aber hielt das Franco-Regime an der offiziellen Version des "polnischen Wegelagerers" fest. Zu Polen bestanden keine diplomatischen Beziehungen - Ches alias Welzel war das perfekte Opfer für eine politische Machtdemonstration.

Schuss aus Notwehr?

Seine Geschwister und seine Kinder sind bis heute überzeugt, dass Georg Welzel nur aus Notwehr geschossen hat. Sein Sohn Michael Schilling, 39: "Es gibt einfach noch zu viele offene Fragen. Die Leute, die sie uns beantworten könnten, haben leider bisher das Gespräch mit uns verweigert."Er und seine Schwestern sind in den vergangenen Jahren immer wieder nach Spanien geflogen, haben das Grab ihres Vaters besucht, mit Zeitzeugen gesprochen. Michael Schilling: "Wir können mittlerweile damit umgehen. Wir sind mit einem Stiefvater groß geworden, der sich ordentlich um uns gekümmert hat."

Stasi las Briefe des Sohnes

Welzels Sohn Michael hatte kein schlechtes Verhältnis zur DDR. "Von den Hausdurchsuchungen nach Vaters Fluchtversuchen haben wir Kinder ja nichts mitbekommen." In Cottbus war Schilling vor der Wende fünf Jahre bei der Armee. "Davon, wie das System wirklich war, habe ich nichts mitbekommen. Erst später, als ich meine Stasi-Akten bekam. Da hatten die sogar Briefe kopiert, die ich als Achtjähriger an eine Freundin geschrieben hatte."Sein Vater Georg ist an der Enge dieses Systems verzweifelt. Getötet hat ihn ein anderes - die Franco-Diktatur in Spanien.

Die letzten Lebensminuten Georg Welzels waren eine kaum vorstellbare Tortur. Welzels Henker hatte noch nie eine Hinrichtung durchgeführt. Er legte dem Deutschen das Würgeeisen ohne den Gegendruck eines Pfostens um den Hals. Es dauerte wahrscheinlich 25 Minuten, bis Welzel starb.

Hintergrund: Das Franco-Regime

Im Juli 1936 kam es in Marokko zu einer Militärrevolte nationalistischer Kräfte, die zum Spanischen Bürgerkrieg führte. Die Führer des Aufstandes bildeten eine Junta, die Francisco Franco am 1. Oktober 1936 zum Chef der nationalspanischen Regierung und zum "Generalísimo" ernannten.

Dank eines stabilen Rückhalts im Militär , aber auch in der bedeutenden katholischen Kirche des Landes und bei den Großgrundbesitzern, gelang es Franco, sich über Jahrzehnte an der Macht zu halten.

Am 20. Dezember 1973 ermordete die baskische Eta den Regierungschef Luis Carrero Blanco, Francos treuesten Gefolgsmann. Das Regime schwor Rache. Zwei Wochen nach dem Attentat verhängte ein Militärtribunal die Todesstrafe über den Anarchisten Salvador Puig Antich. Würde er gemeinsam mit Ches hingerichtet, könnte das Militär so etwas wie die Normalität der Todesstrafe demonstrieren.

Am 2. März 1974 starben Puig Antich und Georg Welzel durch die Garotte. Am 20. November 1975 starb Francisco Franco.