Selbst die zentrale Kampagne der Bundesregierung zeigt derzeit in ihren Anzeigen ein solches Motiv und lobt den "Mut zur Freiheit". Fakt ist jedoch: Das Brandenburger Tor war an jenem historischen Abend in Berlin so ziemlich der einzige Ort, an dem die Mauer nicht geöffnet wurde. Und auf der Krone stand sehr lange auch kein einziger DDR-Bürger. Denn am Brandenburger Tor gab es gar keinen Grenzübergang, übrigens noch bis zum 22. Dezember 1989 nicht.

Deshalb gingen die Ostdeutschen, als sie die Nachricht von der Reisefreiheit hörten, auch nicht dorthin, sondern zur Bornholmer Straße, zur Invalidenstraße, zum Checkpoint Charlie und den anderen bekannten Übergängen. Und sie steuerten im Westen die Glitzerwelt des Kurfürstendamms an oder die Kneipen Kreuzbergs. Nicht aber den toten Platz hinter dem Reichstag.

Am Brandenburger Tor versammelten sich an jenem Abend zuerst die Medien, vor allem amerikanische. Sie brauchten symbolische Bilder für ihre Übertragungen. Das wiederum zog zahlreiche Touristen und Nachtschwärmer an, als die Nachricht von der Öffnung der Grenzübergänge die Runde machte. Und wohl auch politische Gruppen.

Doch am Brandenburger Tor funktionierte das Grenzregime noch, das Gebiet war schon immer der am stärksten bewachte Teil der Mauer. Und die DDR-Grenzer empfanden die Erstürmung als Angriff aus dem Westen auf ihren "antifaschistischen Schutzwall". Anfangs versuchten sie, die Leute mit Wasserschläuchen zu verjagen.

Als später auch von Osten her Menschen auf den Pariser Platz vordringen wollten, stellten sie sich in einer massierten Reihe bewaffnet auf. Die Feierbilder vom Brandenburger Tor zeigen nicht, dass an dieser Stelle der friedliche Mauerfall in Wirklichkeit am meisten gefährdet war. Ein Schuss hätte genügt, und die Nacht wäre heute in anderer Erinnerung.