ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:52 Uhr

Das Fallbeil als Instrument der "Erziehung"

Das letzte Familienfoto vor seiner Flucht. Grenzoffizier Manfred Smolka mit seiner Frau Waltraud und Tochter Ursula.
Das letzte Familienfoto vor seiner Flucht. Grenzoffizier Manfred Smolka mit seiner Frau Waltraud und Tochter Ursula. FOTO: privat
Cottbus/Frankfurt (Oder). Roland Smolka aus Cottbus war 17 Jahre alt, als sein Bruder 1960 in Leipzig unter dem Fallbeil starb. Stasichef Erich Mielke und das Politbüro der SED hatten dem Todesurteil für den Grenzpolizisten zugestimmt. Zur Abschreckung. Simone Wendler

Es sind bewegende Zeilen, die Manfred Smolka an seine Familie zu Papier bringt, bevor er am 12. Juli 1960 unter dem Fallbeil stirbt: "Ich bin unschuldig, ich kann es hundertfach beweisen und durfte es nicht. … wir brauchen uns nicht zu schämen und ihr auch nicht für mich." Erst nach dem Ende der DDR gelangte dieser Brief aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in die Hände seines Bruders Roland Smolka in Cottbus.

Jetzt steckt das Dokument in einer von vielen Klarsichthüllen, die zwei Ordner füllen. "Mein Bruder war ein Offizier, wie er im Buche steht und kein Verräter", sagt der 70-jährige Cottbuser. Für das Andenken seines Bruders und die Bestrafung der Schuldigen an seinem Tod kämpft er seit dem Ende der DDR. In einer Woche wird er deshalb auch in Frankfurt (Oder) sein, wo dessen Schicksal in einem Vortrag bei der Stasiunterlagenbehörde dargestellt wird (siehe Infobox).

Den Vortrag hält Hans-Jürgen Grasemann, von 1988 bis 1994 Sprecher der Erfassungsstelle für DDR-Unrecht in Salzgitter und danach Oberstaatsanwalt in Braunschweig. Grasemann, inzwischen Pensionär, hat sich seit Jahren immer wieder mit dem Fall beschäftigt. "Die Todesstrafe war in keiner Weise gerechtfertigt", so der Jurist. Es sei ein beispielhafter Fall, der das Zusammenwirken von SED, Staatssicherheit und Justiz in der DDR aufzeige. "Immer nur auf die Stasi zu schauen, greift zu kurz."

Unsinnigem Befehl widersetzt

1948 hatte sich Manfred Smolka aus dem kleinen Ort Titschendorf in Thüringen zur Volkspolizei gemeldet. Er kam zur Grenzpolizei, wurde Politoffizier, Kompanieführer. Am 17. Juni 1958 war seine Karriere dort zu Ende, nachdem er seinem Vorgesetzten im Zorn die Uniformjacke vor die Füße geworfen hatte.

"Mein Bruder war ein aufrechter Mann, der wollte keine unsinnigen Befehle ausführen", erzählt sein Bruder Roland. Es sei um die Verstärkung der Grenzposten wegen des Jahrestages des Volksaufstandes gegangen. Die Bauern hätten dadurch nicht mehr auf ihre grenznahen Wiesen gekonnt. "Das war völlig unnötig", so Roland Smolka.

Vier Monate später wurde sein Bruder bei der Grenzpolizei entlassen. Vorher erfuhr er Degradierung, Parteiausschluss und den Entzug der Jagderlaubnis. Die Jagd war seine große Leidenschaft. Als er dann noch Schwierigkeiten hatte, eine Arbeit zu finden, müsse er sich zur Flucht entschlossen haben, vermutet sein Bruder. Die Flucht in den Westen über die noch schwach befestigte Grenze gelang.

Ein Jahr später, im August 1959, lockte ihn das MfS beim Versuch, Frau und Tochter über die Grenze zu holen, in eine Falle. Einen Grenzpolizisten und vermeintlichen Freund hatte die Stasi dafür unter Druck gesetzt. Smolka wurde angeschossen und in die Stasi-Untersuchungshaft verschleppt. Am 2. Mai 1960 wurde er in Erfurt wegen Militärspionage zum Tode verurteilt.

Politbüro entscheidet

Das Urteil, so belegen Unterlagen, die Hans-Jürgen Grasemann ausgewertet hat, stand jedoch vor der Verhandlung fest. Stasichef Erich Mielke habe den Vorschlag dafür persönlich als "erzieherische Maßnahme" abgesegnet, so Grasemann. Das Fallbeil als Abschreckung für "Verräter".

Eine Woche vor der Verurteilung des Grenzoffiziers liegt der Vorschlag, ihn hinzurichten, auf dem Tisch des Politbüros der SED in Berlin. Sitzungsleiter war Walter Ulbricht, Erich Honecker führte Protokoll. Der Vorschlag, Smolka hinzurichten, wird "zur Kenntnis genommen." Nur ein Brief von Manfred Smolka erreichte nach der Verhaftung seine Mutter. Die durfte nicht in den Gerichtssaal. "Die wurde vor der Tür weggejagt, das war unmenschlich", erinnert sich Roland Smolka. Kein Anwalt habe die Verteidigung seines Bruders übernehmen wollen. Der war deshalb auf einen "Pflichtverteidiger" angewiesen, der ihn im Gerichtssaal zum Geständnis drängt. Dieser Anwalt geht kurz danach selbst in den Westen, wie sich später herausstellt, um dort für die Stasi zu spionieren.

Wilhelm Pieck verweigert Gnade

Manfred Smolkas Mutter versucht nach dem Todesurteil, das Leben ihres Sohnes durch ein Gnadengesuch an den damaligen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck zu retten. Am 27. Juni 1960 schreibt ihr das Präsidialbüro, es seien "umfangreiche Ermittlungen" notwendig. Deshalb solle sie sich gedulden. Zwei Wochen später ist der Verurteilte tot.

"Wilhelm Pieck hätte die Hinrichtung abwenden können, der war mit schuld", sagt Roland Smolka. Das bestätigt das Landgericht Erfurt, als es 1994 den inzwischen 82-jährigen Staatsanwalt aus dem Smolka-Prozess wegen Beihilfe zur Rechtsbeugung und Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Pieck habe sich durch die Verweigerung eines Gnadenverfahrens der vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht, heißt es in dem sehr ausführlichen Urteil.

Der Grenzpolizist, der im Auftrag der Staatssicherheit Smolka in die Falle lockte, wurde ebenfalls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die anderen Beteiligten des Smolka-Prozesses waren beim Untergang der DDR nicht mehr am Leben.

Ehefrau eingesperrt

Die Frau von Manfred Smolka wird nach dessen Verhaftung wegen "versuchter Republikflucht" für vier Jahre im Zuchthaus Hoheneck inhaftiert. Die Großmutter nimmt während dieser Zeit die Tochter auf. Seine Schwägerin habe nie ein Wort über die Haftzeit gesagt, so Roland Smolka. "Man hat ihr aber angesehen, was sie erlebt hatte."

Die Mutter flieht ein halbes Jahr nach der Hinrichtung ihres Sohnes in den Westen. Roland Smolka selbst denkt später nicht an Flucht oder Ausreise. "Da wäre ich nur im Gefängnis gelandet", sagt er. Als 1980 seine Mutter in Westberlin stirbt, darf Roland Smolka nicht zur Beerdigung fahren.

Er habe sich angepasst, sagt er über sein Leben in der DDR. Doch richtige Lebensfreude habe er nie gespürt. Der Tod seines Bruders unter dem Fallbeil liegt bis heute wie ein Schatten über seinem Leben: "Das wird mich nie mehr loslassen."

Zum Thema:
Am Samstag, dem9. März, finden in der Außenstelle Frankfurt (Oder) der Stasiunterlagenbehörde (BStU) von 10 bis 17 Uhr Führungen durch die Akten-Archive statt. Musterakten können angesehen und Anträge auf Akteneinsicht gestellt werden. Um 13, 15 und 17 Uhr finden Vorträge statt zum Fall Manfred Smolka, zur Rolle der Staatssicherheit im DDR-Sport und zur medizinischen Versorgung von Häftlingen im Stasi-Haftkrankenhaus in Berlin-Hohenschönhausen.Die Außenstelle Frankfurt (Oder) der Stasiunterlagenbehörde beherbergt auch die inzwischen weitgehend erschlossenen Aktenbestände der ehemaligen Bezirke Cottbus und Frankfurt (Oder). Weitere Infos im Internet: www.bstu.de