Eines der umstrittensten Arbeitsbeschaffungsprojekte des Ostens wird Ende des Monats abgewickelt. Der Leipziger "Betrieb für Beschäftigungsförderung" (bfb), der Tausenden nach der Wende Arbeit gab, ist am Ende, per Ratsbeschluss aufgelöst. Mit viel Optimismus 1991 an den Start gegangen, um den vom real existierenden Kapitalismus frisch Entlassenen wieder eine Chance zu geben, verstrickte sich vor allem sein langjähriger Chef, Matthias von Hermanni, in illegale Geschäfte und wurde schließlich, im Dezember 2002, vom Leipziger Landgericht verurteilt.

Untreue in sieben Fällen
Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen Untreue in sieben Fällen lautete im Dezember 2002 die rechtliche Bilanz seiner ganz persönlichen Arbeit als bfb-Chef. Dabei hatte es so vielversprechend angefangen, als der damalige Neu-Bürgermeister Hinrich Lehmann-Grube (SPD) den Verwaltungsbeamten 1991 aus ihrer beider Heimatstadt Hannover an die Pleiße holte. Der sollte damals einen ABM-Stützpunkt aufbauen, wie sie überall in den von der Nach-Wende-Entlassungswelle überrollten Ost-Kommunen entstanden. Doch von Hermanni machte mehr und formte aus dem bfb ein kombinatsähnliches Konglomerat mit zeitweise mehr als 8000 Beschäftigten - die größte Arbeitsbeschaffungsgesellschaft des Ostens. Und die wuchs dem selbstbewussten und bisweilen auch zu deftigen Ausdrücken und beißender Ironie greifenden von Hermanni offenbar über den Kopf.
"Nach Gutsherrenart" habe er das Unternehmen geführt, verlas Lothar Tippach als Vorsitzender des städtischen bfb-Untersuchungsausschusses, der wegen zunehmender Ungereimtheiten eingesetzt worden war, im Januar aus dem Abschlussbericht vor. Eine effektives Controlling habe nie existiert, ebenso wie es nie ein Unternehmens-Konzept gegeben habe.

Ermittlungen seit Februar
Der Betrieb habe ziemlich planlos drauflos gebaut, ohne dass ihm das Rathaus auf die Finger geschaut habe. Die Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) sowie sein Vorgänger Lehmann-Grube als Chefs der Verwaltung seien dafür in die Verantwortung zu nehmen, sagte Tippach. Dies jedoch lehnen beide strikt ab. Da der bfb kein konventioneller Betrieb gewesen sei, hätten auch herkömmliche Konzepte nichts bewirkt. Die Beschäftigten seien nicht Kosten, sondern Ertrag gewesen, analysierte Lehmann-Grube. Tiefensee, der den bfb immer als wichtiges Instrument für den zweiten Arbeitsmarkt in Leipzig unterstützt hatte und den Stadtrat mal 6,5, mal 7,5 Millionen Euro an Zuschüssen bewilligen ließ, wies auch jetzt jede Schuld von sich. Aus den ehemals tausenden von Beschäftigten des bfb sind nach Angaben der Stadt jetzt noch wenige Dutzend übrig geblieben, die am 31. März endgültig Abschied nehmen w erden. Das juristische Kapitel bfb ist damit jedoch noch lange nicht beendet.
Das Regierungspräsidium Leipzig hat wegen der Vorwürfe mangelnder Aufsicht im Februar Vorermittlungen gegen Tiefensee aufgenommen und wird die Ergebnisse im Frühsommer bekannt geben.
Von Hermanni und die Staatsanwaltschaft werden sich wegen der Betrugs- und Untreue-Vorwürfe voraussichtlich vor dem Bundesgerichtshof wiedersehen. "Beide Seiten haben Revision beantragt", sagt Leipzigs Oberstaatsanwalt Norbert Röger.