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| 02:49 Uhr

Das Cottbuser Datenleck

Reinhard Schollbach
Reinhard Schollbach FOTO: Alexander Dinger
Cottbus. Seit Jahren erfährt Reinhard Schollbach Dinge von Brandenburgern, die er nicht wissen will. Er bekommt Faxe, die eigentlich für die Krankenkasse DAK bestimmt sind. Obwohl er mehrfach darauf hingewiesen hat, bekommt er bis heute die Schreiben mit dem vertraulichen Inhalt. Alexander Dinger

Beim ersten Fax vor ungefähr vier Jahren dachte Reinhard Schollbach noch, dass es ein Versehen war. Damals hatte eine Berliner Klinik Patientendaten an die Regionalstelle der Krankenkasse DAK in Cottbus gesendet. Dann ratterte sein Telefax immer öfter. Mittlerweile kann Schollbach mehrere Ordner füllen.Er bekommt Faxe von Ärzten, Rentenversicherungen, Kliniken, Arbeitgebern. Er könnte deshalb von vielen Brandenburgern sagen, wer wann und warum arbeitsunfähig war. Wer schon an Demenz leidet. Wer Krebs hat. Oder wer kürzlich verstorben ist. Er kennt ihre Namen, Anschriften, Telefonnummern, Geburtsdaten.

Seit vier Jahren geht das nun schon so. Faxe, die für die DAK bestimmt sind, landen bei ihm. "Ich verzweifle langsam. Ich habe Dutzende Male bei der DAK angerufen. Passiert ist nicht viel", sagt Schollbach.

Vergangenes Jahr hat der Cottbuser, der Inhaber einer Gebäudereinigung ist, von der Krankenkasse als Entschädigung eine Reisetasche bekommen. Dabei lagen frankierte Umschläge - mit der Bitte, die fehlgeleiteten Faxe an die DAK zurückzuschicken.

Als er drohte, das Datenleck öffentlich zu machen, habe man ihm zu verstehen gegeben, dass er da sensible Informationen habe, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt seien. "Ich will diese Faxe gar nicht haben. Das geht mich nichts an. Ich komme mir vor wie im Irrenhaus", sagt Schollbach.

Bei der DAK ist das Cottbuser Datenleck bekannt. Seit Jahren versucht man dort "intensiv", das Problem zu beseitigen. "Dieser Fall füllt in unserer Cottbuser Geschäftsstelle bereits Aktenordner", sagt DAK-Sprecher Frank-Rainer Quander. Auch der Justiziar und der Datenschutzbeauftragte der Krankenkasse seien informiert.

"Wir können aber nichts dafür", beteuert Quander. Die Faxe kämen schließlich nicht von der DAK, sondern seien für die Krankenkasse bestimmt. Die Cottbuser Geschäftsstelle habe wiederholt alle Partner der Krankenkasse noch einmal angerufen und gebeten, die Faxnummern zu kontrollieren. "Wir haben auch alle Mitarbeiter noch einmal auf den Fall hingewiesen", sagt Quander auf RUNDSCHAU-Nachfrage. In Brandenburg gibt es Hunderte Kliniken, Ärzte, Versicherungen, Privatpersonen, die vertrauliche Unterlagen in die Geschäftsstelle nach Cottbus senden. Es sei nicht möglich, alle Absender zu kontrollieren.

Das Kuriose dabei ist: Die Faxnummer von Schollbach und die der Krankenkasse sind sich nicht ähnlich. "Wir wissen einfach nicht, wo das Problem liegt", sagt Quander. Eine Prüfung durch die Telekom brachte auch keine Klarheit. Es konnte kein technisches Problem gefunden werden.

Auch eine Nachfrage der RUNDSCHAU bei der Telekom lief ins Leere. "Wir recherchieren das Problem", sagte ein Telekom-Mitarbeiter. Er könne sich aber auch vorstellen, dass an der Telefonanlage der Krankenkasse etwas falsch eingestellt sei. "Das wäre dann aber nicht unser Zuständigkeitsbereich", so der Mitarbeiter weiter. Eine sehr deutliche Ansage gibt es hingegen von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. "Das ist ein krasser Verstoß gegen den Datenschutz", sagt deren Sprecherin Andrea Fabris. Und wenn nach mehreren Jahren das Problems immer noch bestehe, dann sei das ein Fall für die Landesdatenschutzbeauftragte oder gleich den Bundesdatenschutzbeauftragten, der für die Krankenkassen zuständig ist. "Egal, wer dran schuld ist. Es kann doch nicht sein, dass die Klärung dieses Problems in vier Jahren nicht geglückt ist", sagt Fabris.

Die brandenburgische Landesdatenschutzbeauftragte, Dagmar Hartge, weist allerdings darauf hin, dass jeder Absender eines Telefax-Schreibens eine Sorgfaltspflicht habe. Das bedeute, er muss gucken, dass der richtige Adressat angewählt wird, es zu keinen Zahlendrehern oder vermeidbaren Problemen kommt. "In jedem Fall ist es die Aufgabe der DAK, dies bei entsprechenden Beschwerden unverzüglich aufzuklären und den Fehler abzustellen", sagt Hartge.

In der ehemaligen Bundeshauptstadt ist man mit einer Beurteilung des Falls jedoch vorsichtig. Allerdings kündigte die Sprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten, Juliane Heinrich, gegenüber der RUNDSCHAU an, dass man die DAK auffordern werde, zu diesem Fall Stellung zu beziehen. Anschließend müsse man Konsequenzen bewerten und prüfen, so Heinrich weiter.

Unterdessen sitzt Gebäudereiniger Schollbach etwas ratlos vor seinem Faxgerät. "Ich bin doch nicht die Außenstelle der DAK", sagt Schollbach und schüttelt den Kopf. Und ihm sei es auch egal, wo der Fehler liegt. "Es kann doch nicht sein, dass dieses Problem nicht gelöst werden kann", sagt er. Jedenfalls sei er gespannt, was er diesmal für ein Geschenk von der Krankenkasse bekommt. "Die frankierten Umschläge haben jedenfalls nicht gereicht, um alle Schreiben auch weiterzuleiten. Und noch eine Reisetasche brauche ich im Moment auch noch nicht", fügte er hinzu.