Der Titel ging mit 281,900 Punkten zum achten Mal an den Titelverteidiger aus China. Im „Turn-Krieg der Asiaten“, wie Trainer Wolfgang Hambüchen das große Duell zuvor bezeichnet hatte, spielte die Riege des Olympia-Ausrichters ihre Trumpfkarte an den Ringen souverän aus, sodass Olympiasieger Japan (277,025) schon zeitig aus dem Kampf um Gold ausschied.
Für die Deutschen hatte es zuletzt 1991 in Indianapolis ebenfalls Bronze gegeben. Mit hunderten Fähnchen und peitschenden „Deutschland, Deutschland“-Rufen wurden die Gastgeber gestern überschäumend gefeiert und posierten vor einer riesigen Deutschland-Fahne.
„Am Morgen haben wir noch alle tierisch gelacht, als plötzlich beim Training am Boden einer eine 3 aufgemalt hatte. Jetzt sind wir Dritter, ich kann es nicht glauben“, sagte der Cottbuser Philipp Boy. „Jetzt wird natürlich gefeiert“, kündigte Marcel Nguyen an und der zweite SC Cottbus-Turner, Robert Juckel, stimmte ein: „Ich bin einfach nur total überwältigt.“
Höhepunkt war erneut die grandiose Flug-Schau Hambüchens am Reck, für die er mit 16,125 Zählern noch höher bewertet wurde als in der Qualifikation (16,025). „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, stimmte daraufhin der vieltausendfache Chor die bekannte „Höhner“-Melodie an. „Ein affengeiler Wettkampf. Da weiß man gar nicht, was man noch sagen soll“, sprudelte es aus dem 19-Jährigen heraus.
Das Fanal für den großen Angriff hatte das deutsche Turn-Idol schon beim Sprung gesetzt, als die Mannschaft nach den beiden traditionell schwachen Auftaktgeräten schier aussichtslos auf dem letzten Platz lag. Für seinen Jurtschenko-Satz erhielt er die Glanznote 16,175 und brachte die Fans auf Hochtouren.
„Eigentlich haben wir von der Papierform her keine Chance. Aber vielleicht ist dies sogar ein Vorteil“, hatte Wolfgang Hambüchen zuvor die Ausgangslage geschildert, und er sollte Recht behalten. Ihr Zittergerät hatten die Deutschen zwar vernünftig bewältigt, rangierten aber dennoch nach dem Pferd nur an vorletzter Position. Thomas Andergassen, der in der Qualifikation beim Abgang gepatzt hatte, rehabilitierte sich aber und holte fast 0,7 Punkte mehr als am Dienstag. Auch an den Ringen konnten die Deutschen mit den Besten nicht mithalten und fielen nach einem Stolperer von Philipp Boy beim Abgang sogar auf den letzten Platz zurück.
Nach dem Sprung kämpfte sich das Team um zwei Plätze nach vorn und verkürzte den Rückstand am Barren weiter. Hier hatte vor allem Marcel Nguyen Beifallsstürme ausgelöst, als er seinen Tsukahara-Abgang, den nur wenige Turner beherrschen, in den sicheren Stand brachte. Am Reck gab es einen Dämpfer, als Boy seine saubere Übung nicht in den Stand brachte, mit den Händen aufgriff und zurecht mit Abzug bestraft wurde. „Da habe ich nur gedacht: Scheiße. Jetzt hast Du alles versaut. Aber die anderen haben es rausgerissen.“ Somit war schon vor dem letzten Gerät Platz drei sicher. Am Boden ging nichts mehr schief, die Party konnte beginnen.