T ouristen bummeln in der Sommerhitze durch die romantischen Gassen der Altstadt hinauf zum Schwarzenberger Schloss. Hunderte weiße Blumen in Felsspalten wecken ihre Neugier. Die an Kamillenblüten erinnernde Pflanze ist eine weitgereiste Einwanderin und eine Rarität in Deutschland. "Es handelt sich um das Schwarzenberger Edelweiß", erklärt der Stadtführer, Hobbybotaniker und Naturschützer Heinz Grieger. Genau genommen ist es die Spanische Wucherblume, lateinisch Tanacetum parthenifolium. Sie ist nach Erkenntnissen des Instituts für Botanik der TU Dresden heute bundesweit nur bei Schwarzenberg im Erzgebirge zu finden.

Die Wucherblume kam nach Meinung der Fachleute wohl um 1860 als Samen in grobporiger Korkeichenrinde per Bahn nach Schwarzenberg. Zu Bündeln verschnürter Kork - überwiegend aus Spanien und teilweise aus Portugal - wurde in der Bergstadt umgeladen. Im nahen Raschau befand sich bis zum Ende der DDR eine korkverarbeitende Fabrik. Beim Transport fielen die Samen offenbar aus der Korkrinde und verbreiteten sich in Schwarzenberg.

Die Pflanzen bevorzugen karge, trockene Böden, erklärt Grieger, während er in zwei dicken Pflanzenbestimmungsbüchern blättert. Schon um 1871 hatte Otto Wünsche, ein Oberlehrer aus Zwickau, die Wucherblume in seinem Buch "Die Pflanzen Deutschlands" beschrieben. Als Standorte werden darin das Stadtgebiet von Schwarzenberg und die Brühlsche Terrasse in Dresden genannt. Auch in Dresden gab es damals eine korkverarbeitende Fabrik, hat Grieger recherchiert. In der Landeshauptstadt habe er allerdings schon lange keine Spanische Wucherblume mehr entdecken können. Das sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie bestätigt die Angaben des Pflanzenkundlers aus dem Erzgebirge. Die Wucherblume sei derzeit nur in Schwarzenberg bekannt, sagt Behördensprecherin Karin Bernhardt. Das Landesamt bestätigt, dass die Pflanze im 19. Jahrhundert mit Korkeiche von der Iberischen Halbinsel nach Sachsen gelangte. Die Pflanze gehöre zu den Neophythen, sei von den Menschen eingeschleppt worden.

Im Gegensatz zu vielen anderen eingeschleppten Arten, wie etwa Drüsiges Springkraut oder Japanischer Knöterich, die einheimische Pflanzen massiv verdrängen, sei die Spanische Wucherblume für die sächsische Flora völlig ungefährlich, sagt Bernhardt.

Auch der Leiter des Botanischen Gartens in Dresden, der Botanik-Professor an der Technischen Universität Dresden, Christoph Neinhius, erklärt, dass die Pflanze deutschlandweit nach bekannter Literatur nur im Erzgebirge beobachtet werde. Vermutlich über Bauschutt breite sich die Blume inzwischen über Schwarzenberg hinaus aus.

Der Naturfreund kennt die auch "Staubige Margarite" genannte Pflanze seit seiner Kindheit. Große Beachtung wurde ihr in der DDR allerdings nicht geschenkt. Nach der politischen Wende hat die Stadt Schwarzenberg jedoch das Potenzial der Blume erkannt und vermarktet sie gekonnt. So gibt es ein "Burgfräulein Edelweiß", das zu besonderen Anlässen die Gäste der Stadt begrüßt. Und das jährliche Stadtfest wird seit einigen Jahren als "Schwarzenberger Edelweißfest" gefeiert.

Eines bedauert Oberbürgermeisterin Heidrun Hiemer (CDU) allerdings: "Immer, wenn wir am dritten August-Wochenende unser Edelweißfest feiern, sind die meisten Blumen schon verblüht." Hochsaison hat die Spanische Wucherblume nämlich bereits im Juli. Das Fest wegen der Blütezeit der Namenspatronin verschieben? Das wollen die Schwarzenberger denn doch nicht .