S abine Niels hat gerade das Foto ihres Nachtischs gepostet. "So sieht ein gutes Arbeitsessen aus :)", schreibt die brandenburgische Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen dazu. Auf dem Bild ist ein Glas voll schaumiger Creme zu sehen. Es wird von Johannisbeeren gekrönt, die jetzt im Dezember kaum aus heimischer saisonaler Ernte stammen können. "Aber nicht gerade ökologisch", kommentiert ein anderer Facebook-Nutzer. Sabine Niels, die sich eigentlich für nachhaltigen Konsum starkmacht, wird also bei einer klitzekleinen umweltpolitisch-kulinarischen Sünde ertappt. "Willst Du Infos über Gewächshäuser, europäische Nachbarn, Gefriertruhen und Bilanzen meiner Speisen?", verteidigt sie sich gegen ihren Kritiker. Immerhin sei die Nachspeise "sogar vegan".

Margitta Mächtig dagegen kommt mit den Prinzipien ihrer Partei nicht in Konflikt. Die Abgeordnete der Linken mit Zuständigkeit für den Kreis Oberspreewald-Lausitz leitet eine Statistik über die internationale Einkommensentwicklung weiter: "Deutschland ist Weltmeister - beim Lohndumping!" Der Absender erläutert die Tabelle so: "Unsere Politiker haben es mit ihren prekären Beschäftigungen wie Minijob, Zeitarbeit, Leiharbeit geschafft, dass reguläre, gut bezahlte Arbeitsplätze abgebaut werden." - "Bin gespannt, wie lange sich das Volk dies noch gefallen lässt!" schimpft Margitta Mächtig. Fünf Personen klicken daraufhin "gefällt mir".

Politiker auf Facebook zu finden ist ganz einfach: Das Eintippen eines Namens in die Suchleiste führt oft zu einem Link. Manchmal leitet der zwar nur zu einem Wikipedia-Eintrag über den Gesuchten. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) etwa hat im weltgrößten Online-Netzwerk keine eigene Seite, im Gegensatz zu seinem sächsischen Amtskollegen Stanislaw Tillich (CDU). Von neun märkischen Ministern haben sich nur zwei angemeldet. Doch von 26 brandenburgischen und sächsischen Landtagsabgeordneten aus Lausitzer Kreisen sind immerhin neun auf Facebook vertreten.

Nicht jeder lässt sein Profil, das auch Angaben über Wohnort oder "Beziehungsstatus" enthalten kann, öffentlich einsehen. Um Zugang zu erhalten, kann das Versenden einer "Freundschaftsanfrage" helfen: zum Beispiel an den brandenburgischen Arbeitsminister Günter Baaske (SPD), auch wenn der nicht mit jedem Wildfremden sofort "Freundschaft" schließt. "Ich checke dann erst einmal, ob der Anfragende zu mir, zum Beispiel über gemeinsame Freunde, seine Heimatstadt oder Schule, eine Verbindung hat", erklärt der Minister. Die vielen Kontakte und Diskussionen im Netz seien spannend und "machen Spaß", berichtet Günter Baaske. Eigentlich würde er deswegen gerne täglich etwas posten, komme aber leider zurzeit zu selten dazu.

Monika Schulz-Höpfner ist noch Facebook-Neuling - seit November angemeldet. "Ich gebe zu, ich habe mich von jüngeren Mitarbeitern dazu überreden lassen", sagt die CDU-Landesparlamentarierin aus dem Kreis Spree-Neiße. Vom Nutzen des Online-Netzwerkes zur Verbreitung von Informationen ist die 57-Jährige jedoch bereits überzeugt. Eines ihrer Facebook-Fotos zeigt Monika Schulz-Höpfner mit Anorak und Schal im Schnee, in den Händen einen großen Stapel bunter Grußkarten, die sie an Politiker nach Schweden verschickt hat, "um auf die drohende Abbaggerung und Zerstörung mehrerer Dörfer in der Lausitz durch den schwedischen Staatskonzern Vattenfall aufmerksam zu machen". Das Echo darauf schallte bis aus dem Netz heraus zurück und hat die Politikerin beeindruckt: "Die Postkartenaktion hat sich ganz schnell verbreitet, so schnell konnte ich gar nicht das Telefon abnehmen", erzählt sie.

Gegen neue Tagebaue in Brandenburg kämpft auch Sabine Niels. Unter den Lausitzer Landesparlamentariern ist die in Fürstenwalde und Cottbus ansässige Grüne wohl die eifrigste Online-Netzwerkerin. Ob studiVZ, Myspace, Xing oder Google+: Die 39-Jährige hat sich schon überall getummelt, zurzeit ist sie vor allem auf Facebook und Twitter aktiv. Ihre Nachrichten erreichen nach eigenen Angaben rund 3000 "Freunde" und mehr als 900 "Follower".

Mit ihnen diskutiert Sabine Niels zu einer Vielzahl aktueller Themen: von CO{-2}-Endlagerung über Stasiüberprüfungen bis zur Beschneidungsdebatte. Manchmal verschickt sie auch bloß etwas zum Amüsieren, etwa ein witziges Klokachelmotiv vom Bahnhof Griebnitzsee.

D ass sich auf Plattformen wie Facebook Öffentliches mit Privatem mischt, politische Diskussionen bisweilen "als Kaffeekränzchen enden" und umgekehrt, findet die Brandenburgerin gut. Der Verzehr von einigen ökologisch bedenklichen Johannisbeeren jedenfalls wird ihren Ruf als streitbare Verfechterin grüner Politik wohl nicht nachhaltig beschädigen .