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| 07:57 Uhr

Dankbarkeit und Tränen

"Wir sind wieder aufgetaucht!" – dieser Spruch aus den Tagen nach der verheerenden Jahrhundertflut vom vergangenen August ist zum Sinnbild für den Aufbauwillen im Osten Deutschlands geworden. Niemand weiß, wer diesen ermutigenden Slogan erfunden hatte. Tatsache ist, dass das Motto in hundertfacher Ausführung – mal auf der Rückseite eines Plakates, mal mit Farbe an Schaufenster gepinselt – in vielen Orten Sachsens die Runde machte: In Pirna wie in Meißen, in Dresden wie in Grimma. Von Petra Strutz und Jörg Schurig

In den ersten Fluttagen waren die Befürchtungen groß, der Osten Deutschlands würde in seiner mühevollen Aufholjagd um Jahre zurückgeworfen. Nach der Wende herausgeputzte Touristenziele wie die Sächsische Schweiz, Teile der historischen Altstadt Dresdens mit weltberühmten Kunstschätzen und das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Dessau-Wörlitzer Gartenreich in Sachsen-Anhalt waren bedroht und erlitten Schäden. In Sachsen waren etwa 11 000 vor allem kleine und mittelständische Unternehmen vom Hochwasser betroffen.
Dass der Aufbau Ost nicht zum Erliegen kam, ist einer beispiellosen Hilfskampagne zu verdanken. "Was bleibt, ist die Dankbarkeit für die große Welle der Solidarität in den Tagen der Katastrophe. Der Satz ,Wir sind ein Volk‘ hat in diesen Wochen eine neue Bedeutung bekommen", schätzt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) rückblickend ein.
Unvergessen sind die zahllosen freiwilligen Helfer, die die größte Not lindern halfen, beteuern die Betroffenen immer wieder. Dass der Bundestag einen Monat nach der Flut ein Zehn-Milliarden-Paket für die Hochwasserregionen verabschiedete, wurde als Signal empfunden: "Wir werden nicht allein gelassen."
In Sachsen mit Schäden von 6,1 Milliarden Euro staunen Besucher heute immer wieder, wenn sie nach Spuren der Katastrophe suchen. Die Bilder gleichen sich: Gerade renovierte Häuser neben noch immer ramponierten Geschäftsräumen, frisch geteerte Straßen neben Baustellen, jüngst in Betrieb genommene Gleisanlagen neben immer noch wachsenden Schrottbergen. Niemand kann voraussagen, wann endlich alle materiellen Schäden beseitigt sind. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) schätzt, dass dies Ende des Jahres, vielleicht erst Ende 2004 der Fall sein wird.
Schwieriger ist abzuschätzen, wie es im Inneren der Betroffenen aussieht. Vielen schießen noch immer die Tränen in die Augen, wenn sie an die Schreckenstage denken. Für die überwältigende Welle der Hilfe zur Selbsthilfe sind sie noch immer dankbar. Überall erinnern Fotogalerien an Verluste, Leid und Hilfe. Tief sitzt der Schmerz über den Verlust von Angehörigen – 21 Menschen verloren ihr Leben.
Etliche Menschen büßten zudem sämtliche Habe ein, als sich die Fluten in den ersten Katastrophenstunden durch das Land fraßen. Heute sind Möbel und Hausrat meist ersetzt. Schwerer wiegt hingegen der Verlust der kleinen Erinnerungen an frühere Zeiten: Das vergilbte Hochzeitsfoto, der Babystrampler, das alte Schulheft.
Symbolisch für die Fluterfahrungen steht die Geschichte der Pirnaer Café-Inhaber Ute und Andreas Klunker. Nachdem das Hochwasser der Elbe das ehrwürdige Café Central verwüstete und einen Schaden von 100 000 Euro an Sachwerten hinterließ, wollte das Ehepaar aufgeben. Aber dann mussten die Klunkers einfach weitermachen. Dutzende Helfer, darunter völlig Fremde, hatten der Familie unter die Arme gegriffen, aufgeräumt und Geld gespendet. Ute Klunker bringt es auf den Punkt: "Das Hochwasser möchte ich gern vergessen. Das, was danach kam, aber nicht. In dieser Zeit hat jeder jedem geholfen. Das war einmalig."