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Daniel Düsentrieb hat auf dem Campus ein Zuhause

Ron Jacob arbeitet mit der Standbohrmaschine, seine Mitstudenten hobeln und sägen im fablab.
Ron Jacob arbeitet mit der Standbohrmaschine, seine Mitstudenten hobeln und sägen im fablab. FOTO: Hilscher
Cottbus. Er ist der Held vieler Bastler: Daniel Düsentrieb konnte aus einer alten Waschmaschine und zwei Büroklammern eine Mondrakete bauen. Ganz so hochfliegend sind die Pläne der fablab-Gründer an der BTU nicht. Ihnen reicht es, mit wenig Geld, einfachen Mitteln und viel Know-how Dinge zu bauen, die das Leben einfacher machen. Andrea Hilscher

Die Kellerräume im Lehrgebäude 3 auf dem Campusgelände versprühen den spröden Charme einer Männer-WG. Bunt zusammengewürfelte Gebrauchtmöbel, dazwischen Werkzeuge, Kabel, nackte Technik und Teetassen. Seit einigen Monaten ist hier das Fablab Cottbus zu Hause, eine offene Mitmachwerkstatt für jedermann.

Fablab - ein Kunstwort, zusammengesetzt aus fabrication laboratory, zu Deutsch: Mitmachwerkstatt. Die Idee dazu stammt aus Amerika: Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten schließen sich zusammen, um zu tüfteln, zu erfinden oder schlicht alte Kulturtechniken wieder zum Leben zu erwecken. Wissen für alle, das ist die Grundidee.

Ron Jacob, Mitbegründer des fablab und Student der Verfahrenstechnik, sagt: "Erwachsen ist das Ganze aus der Open-Source-Bewegung." Dabei ging es darum, Software so transparent zu machen, dass jeder sie selbst programmieren oder verbessern kann. "Wir machen das Gleiche mit der Hardware."

Ron Jacobs Grundstein für das fablab war ein 3-D-Drucker, den er sich privat zusammengebastelt hatte. Er wollte ihn auch anderen zugänglich machen, neue Sachen damit ausprobieren, ihn verfeinern. So entstand die fablab-Idee. Die Studenten um Ron Jacob bewarben sich um einen Preis im Ideenwettbewerb der Studierendenschaft und gewannen 14 500 Euro Startkapital. "Unsere Idee hat deshalb überzeugt, weil sie nachhaltig ist und auch künftigen Generationen von Studierenden zugutekommt."

Trotzdem gibt der Gründer zu, dass es ein mulmiges Gefühl war, "plötzlich in der Pflicht zu stehen und seine Pläne tatsächlich umsetzen zu müssen".

Inzwischen ist das mulmige Gefühl verflogen. Die Räume - von der Uni zur Verfügung gestellt - haben sich schnell gefüllt mit gespendeten Werkzeugen und gebrauchten Maschinen, die die Bastler mit einigen Handgriffen wieder auf Vordermann gebracht haben. Zu dem fast schon legendären 3-D-Drucker hat sich ein 3-D-Scanner gesellt, der ebenfalls für einen Bruchteil des üblichen Marktpreises zusammengebastelt wurde.

Nanu Frechen (28) erklärt die Philosophie der Werkstatt: "Alles, was wir machen, wollen wir der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Wissen teilen ist der Grundgedanke." Dazu gehört die freie Teilnahme an Kursen und Projekten sowie die Dokumentation der Arbeitsschritte und Ergebnisse im Internet. Schon jetzt kann man nachlesen, wie sich eine Fahrradpumpstation bauen lässt, die mit Solar betrieben wird.

BTU-Studenten können die Station schon jetzt zu den Öffnungszeiten des fablabs nutzen. "Wir suchen noch nach einer Möglichkeit, sie auf dem Campus so zu installieren, dass sie jederzeit zugänglich ist", sagt Nanu Frechen.

Er selbst beschäftigt sich gerade besonders intensiv mit der Nutzung von sogenannten Raspberry Pis. Nicht größer als eine Zigarettenschachtel, nicht teurer als 40 Euro, kann das Gerät fast alles, was sonst ein Computer übernimmt. Frechen will in einem Workshop zeigen, wie sich mit dem Raspberry Pi kostengünstig eine Haussteuerung aufbauen lässt. Dann können vom Tablet, Smartphone oder Computer Lampen an- und ausgeschaltet oder die Heizung reguliert werden. Lernschritte und Ziele sind festgelegt, dennoch bleibt in den Workshops viel Raum für eigene Ideen und das Ausprobieren neuer Anwendungsbereiche.

Ron Jacob hat mittlerweile seinen 3-D-Drucker so weit optimiert, dass er über eine Webcam von zu Hause aus den Produktionsfortschritt beobachten und notfalls auch steuern kann. Mit ihm werden Flaschenöffner, Ersatzteile und Architekturmodelle gedruckt. Ebenfalls schon jetzt sehr nützlich: Eine im fablab entwickelte Laserschranke für den Tischkicker. Sie zählt automatisch jedes Tor, verhindert lästige Diskussionen.

Wenn Jacob und seine Mitstreiter sich über Kabel und Schaltverbindungen beugen, guckt Inga Themann (25) zwar interessiert zu, besonders viel anfangen kann sie mit Hightech und Mikro-Elektronik allerdings nicht. Als Quotenfrau im fablab erfüllt sie - "leider" - alle Klischees und ist fürs Nähen und Stricken zuständig. Immerhin: Ihr erster Strickworkshop war gut besucht, und auch in praktischer Hinsicht profitiert das fablab von ihren Fähigkeiten. Ein altes Sofa wurde mit einem Überwurf aus zusammengenähten Jeansteilen wieder alltagstauglich und so manche kaputte Hose wurde bereits auf ihrer Second-Hand-Nähmaschine geflickt.

Egal, ob es ums Knöpfe annähen oder um das Entwerfen einer LED-Matrix, um "Spielzeuge" für die Begrüßungswochen der Erstsemester oder das Reparieren defekter Geräte geht: Im fablab kann alles und muss nichts. "Wir freuen uns über jeden, der bei uns vorbeischaut, mit Ideen, Fragen oder einfach nur Neugierde", sagt Ron Jacob.

Längst hat sich das Cottbuser fablab mit anderen Einrichtungen in Deutschland vernetzt. Was immer an anderen Unis ausgetüftelt wird - die BTU-Studenten können es nachlesen, nachbauen, verbessern. Das fablab an der BTU lebt und wächst. Und das Startkapital ist noch nicht einmal aufgebraucht.

Zum Thema:
Fablab steht für fabrication laboratory (zu deutsch Mitmachwerkstatt). Das erste Fablab wurde von Neil Gershenfeld am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Jahre 2002 gestartet und ist seitdem zu einer weltweit schnell wachsenden Bewegung geworden. Thematisch sind Fablabs im Umfeld von Open Hardware angesiedelt. Typische Geräte sind 3D-Drucker, Laser-Cutter, CNC-Maschinen, Pressen zum Tiefziehen oder Fräsen, um eine große Anzahl an unterschiedlichen Materialien und Werkstücken bearbeiten zu können ("make almost everything"). Fablabs erlauben die unkomplizierte Anfertigung von hoch individualisierten Einzelstücken oder nicht mehr verfügbaren Ersatzteilen. Das fablab Cottbus (fablabcb) soll eine offene Mitmachwerkstatt sein, in der neuartige und alte Produktionsmethoden ausprobiert und entwickelt werden können. Ob computergesteuerte Hightech oder althergebrachte Handwerkstechniken, wichtig ist den Gründern die Begeisterung am selber Ausprobieren und dem gemeinsamen Lernen und Entwickeln. Jedes Projekt wird ausführlich dokumentiert, um anderen das Nachbauen und Nachvollziehen der angewandten Techniken zu ermöglichen.