Es ist Braunkohle-Wetter, raunen sich die Vattenfaller zu: Wind ist nicht wahrzunehmen. Die Sonne schafft es nicht, den Nebel zu besiegen. Von Strom aus erneuerbaren Energien keine Spur. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke hat gerade berichtet, dass er auf seinem Weg aus Potsdam an gut 200 Windrädern vorbeigefahren ist. "Nicht eines hat sich gedreht", sagt der SPD-Regierungschef. Und obwohl Brandenburg pro Fläche die höchste Einspeisung an erneuerbaren Energien ins Stromnetz habe, "wissen wir, wo die Grenzen der Erneuerbaren für eine stabile Energieversorgung sind".

Das Kraftwerk Jänschwalde ist an diesem Donnerstag mit seiner vollen Leistung von 3000 Megawatt am Netz. Es ist wie andere konventionelle Stromerzeuger und als Partner der Energiewende in Deutschland genau zu dem Zeitpunkt verfügbar, an dem die Erneuerbaren passen müssen. Das ist an diesem trüben Donnerstagnachmittag aber keine Sensation. Vielmehr Alltag. Denn flexible Braunkohlekraftwerke drosseln schon heute ihre Leistung, wenn viel Strom aus Wind- und Sonnenenergie in das Netz strömt. Und sie können mehr Strom ins Netz abgeben, wenn Wind und Sonne zur Produktion fehlen.

Bisher allerdings war es technisch nur möglich, die Last einzelner Kraftwerksblöcke bis auf 33 Prozent der installierten Leistung zu senken. Nach Jänschwalde waren am Donnerstag Politiker, Experten und Vattenfaller gekommen, um den Prototyp einer neuen Generation von effizienten und hochflexiblen Braunkohlekraftwerken in Betrieb zu nehmen. Herzstück der Pilotanlage, die vornehmlich von Babcock Borsig Steinmüller und der BTU Cottbus-Senftenberg konzipiert wurde, ist ein neu entwickelter Brenner mit elektrischer Plasmazündung. Er nutzt für die Zünd- und Stützfeuerung Trockenbraunkohle, statt wie bisher Öl. Damit wird in Jänschwalde eine noch flexiblere Fahrweise des Kraftwerksblocks F möglich.

Um Trockenbraunkohle zu gewinnen, wird in Schwarze Pumpe Rohbraunkohle veredelt, vor allem Wasser entzogen. Den trockenen Braunkohlestaub transportiert Vattenfall per Lkw nach Jänschwalde - maximal 125 Tonnen pro Tag -, um ihn in einem 40 Meter hohen und 650 Tonnen fassenden Silo zu lagern. Der Vorratsbehälter befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Blocks F und ist an diesen angekoppelt. Die Umrüstung von einem der beiden Kessel des 500-MW-Blocks auf die innovative Technologie hat 13 Millionen Euro gekostet.

Für Hubertus Altmann, Vattenfall Kraftwerks-Vorstand, wird Jänschwalde mit der neuen Technologie "zu einem Pionier in Sachen Flexibilität". Denn die Kraftwerksingenieure, so Altmann, wollen an diesem Standort nachweisen, dass ein mit Trockenbraunkohle-Technologie ausgerüsteter Kraftwerksblock seine Mindestlast auf bis zu 20 Prozent absenken kann. "Damit lässt sich die Anlage wesentlich flexibler und effizienter fahren. Das spart Ressourcen und damit auch Emissionen", betont der Vattenfallmanager.

Die Vorlage von Altmann, "dass die Vattenfall-Kraftwerke fit für die Energiewende sind", nimmt der Ministerpräsident vor der Inbetriebnahme der Anlage in seiner Rede auf. "Solange die erneuerbaren Energien unzuverlässig sind, brauchen wir konventionelle Kraftwerke", erklärt Woidke. Um die Erneuerbaren in einen zuverlässigen Bereich zu führen, sind Speicherkapazitäten notwendig. Woidke verdeutlicht, wo Deutschland zurzeit steht: "Wir haben gegenwärtig ein Wasserglas voll, brauchen aber den kompletten Scharmützelsee."

Erst wenn das in Sicht und die Abschaltung der Atomkraftwerke verkraftet sei, könne über einen Ausstieg aus der konventionellen Energieerzeugung nachgedacht werden, verdeutlicht Woidke und fügt hinzu: "Wir brauchen noch viele Jahrzehnte Braunkohlestrom aus der Lausitz." An die Adresse der schwedischen Reichsregierung gewandt, forderte er eine schnelle Entscheidung zur Zukunft der Braunkohleenergie in der Lausitz. Woidke versicherte, dass die Potsdamer Landesregierung nichts ungenutzt lassen werde, um den Vattenfall-Anteilseigner von der Verantwortung für eine ganze Region zu überzeugen.

Durch die konsequente Modernisierung und den Neubau betreibt Vattenfall inzwischen einen der modernsten Braunkohlekraftwerkparks weltweit. Aufgrund der zunehmenden und kaum steuerbaren Einspeisungen aus erneuerbaren Energien in das Stromnetz ist es besonders wichtig, die Braunkohleblöcke in den häufiger werdenden Extremsituationen als Sicherheitsreserve am Netz zu halten. Hubertus Altmann verweist darauf, dass mit den Kraftwerken in Jänschwalde, Schwarze Pumpe, Boxberg und Lippendorf 9000 Megawatt Leistung zur Verfügung stehen.

Davon 6000 MW könnten als Regelband eingesetzt werden, ohne, dass sie abgeschaltet werden müssen. Damit seien die Kraftwerke ein unverzichtbarer Teil der Energiewende. Sie halten die erforderliche Frequenz im Stromnetz stabil und ebnen erneuerbaren Energien den Weg zum Verbraucher.

Als Woidke, Altmann und Vattenfall-Projekte-Leiterin Julia Biel den Start für den Trockenbraunkohle-Prototyp geben, ist das eher symbolisch. Denn es muss an diesem Nachmittag keine Turbine hochgefahren werden. Bei Nebel und Windstille laufen sie ohnehin auf vollen Touren.

Zum Thema:
Neben dem modernen Neubaublock Boxberg R ist der Kraftwerksstandort Jänschwalde mit seinen zwölf Kesseln und sechs Blöcken in seiner Flexibilität bereits heute mit Steinkohle- und Gaskraftwerken vergleichbar. Die Duo-Bauweise (zwei Kessel auf eine Turbine) erlaubt, die Last einzelner Kraftwerksblöcke schon heute bis auf 33 Prozent der installierten Leistung zu senken. Mit der Errichtung einer Anlage zur Zünd- und Stützfeuerung auf Basis von Trockenbraunkohle wurde einer der Blöcke zu einem Prototyp des hochflexiblen Braunkohlekraftwerks umgerüstet, das mit einer Mindestlast von 20 Prozent betrieben werden kann.