Sanft fließt ihre Stimme durch den Raum. Draußen, wenige Meter vom Fenster entfernt, bewegt sich langsam eine weißhaarige Frau, die Hände fest am Rollator, den sie durch das Grasgrün des Goetheparks schiebt. Hinter der alten Spaziergängerin der ruhige Amtsteich, in dessen Mitte ein riesiger Wasserstrahl in die Höhe schießt.

Es ist ein sehr schönes Arbeitszimmer mit einem schönen Ausblick. Ein kleines Lächeln umspielt ihren Mund, dann fährt Perdita von Kraft mit fließender Stimme fort. Vor ihr liegen letzte Stunden. Hinter ihr 17 Jahre Kunst in Cottbus.

Die Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus verlässt ihre Wirkungsstätte. Ihre Gründe sind sehr persönlich. Seit 13 Jahren ist sie mit einem Museumskollegen verheiratet, hat mit ihm ein Haus in Dresden, lebt aber aufgrund der Entfernung nicht so mit ihm zusammen, wie sie sich das wünscht. "Das möchte ich ändern", erklärt sie kurz. Und mehr Worte bedarf es wohl auch nicht.

Das schöne Büro vermittelte nicht den Eindruck, als sei es von einer Frau besetzt, die vor dem Absprung ist. Der Schreibtisch ist voll. Arbeit liegt in der Luft und füllt den Raum.

Perdita von Kraft hat die Entwicklung der Stadt Cottbus als Kunststadt, deren Bekanntheit weit über die Stadtgrenzen hinausreicht, mitgeprägt. Solche oder ähnliche Sätze wird sie heute bei ihrer Verabschiedung hören. Keine leeren Worte, es ist tatsächlich so. Deshalb dürfen sie ausgesprochen werden, ohne dass Sonntagsredenstimmung aufkommt. Ob heimlich Tränen trotzdem fließen?

Sicher hinterlässt Perdita von Kraft erst einmal eine Lücke oder, wenn man so will, einen leeren Raum. Und ein Konzept, das trägt und sich mit den Stichwörtern Landschaft und Raum umreißen lässt. Ein Konzept, welches zur Region passt. Der Lausitz, wasserdurchsetzt, bergbaudurchpflügt, mondlandschaftig hier und mystisch düsterbewaldet dort. Widersprüchlich, wie sonst fast nur Kunst sein kann. Perdita von Krafts Konzept passt in die Region und lässt einen großen Interpretationsspielraum zu. Bilder, Fotos, Plakate, mit und ohne Menschen, mit und ohne Gegenstände, viele Stile, für vielfältige Geschmäcker.

Brandenburger Kunstinteressen soll das Landesmuseum pflegen, ohne provinziell zu werden, lautet ein Leitspruch, der hinreichend viel verspricht, um Betrachter auch aus anderen Städten und Regionen anzuziehen.

Viel Farbe hat der Tag. Herbstliches Braun-Rot, passend zum Klinkerbau. Perdita von Kraft sitzt an einem kleinen runden Tisch und trinkt aus einer roten Tasse, so rot wie die Fensterrahmen und die dominierende Farbe im Museumscafé. Ein Zufall kann das doch nicht sein. Hat die geborene Düsseldorferin eigentlich eine Lieblingsfarbe?

Ihre Antwort auf diese Frage fällt zögerlich aus - als denke sie ein erstes Mal darüber nach. "Mir gefällt jede Farbe, wenn sie einen gedeckten Ton oder einen schönen Klang hat." Das ist keine Antwort, die das zeitgemäße Ja-Nein-Denken befriedigt. Lieblingsfarbe? Lieblingsbuch? Lieblingsmusik? Lieblingskunstwerk? Einem Minimalisten würden vier Begriffe zur Beantwortung der Fragen ausreichen.

Perdita von Kraft ist aber kein Mensch, der den kürzesten Weg zwischen A und B sucht. Sie ist mehr der Typ, der spazieren geht und erstaunt betrachtet, was alles so am Wegesrand liegt. Eine Passante, ein weiblicher Flaneur.

Nachdem das mit der Farbe geklärt ist, ein zweiter Versuch, ihrem Seelenleben auf die Spur zu kommen. Wie zum Beispiel steht es mit Lyrik? Perdita von Kraft liest Lyrik. Von Rilke und Brecht.

Zwischen den beiden Dichtern liegen Welten. Vermutlich lebt Perdita von Kraft genau in dieser schwer fassbaren Zwischenwelt. Eine schwer zu vermessende Landschaft, die nicht so ganz einfach zu erschließen ist.

Wer glaubt, auf einem Spaziergang durch die Erinnerungs-Landschaft der Perdita von Kraft begegne ihm Kunst über Kunst, hat sich allerdings geirrt. Da liegen weit in der Vergangenheit, quasi am Wegesrand, juristische Wendungen, abgelegt in einer Zeit des Jurastudiums, das sie aber früh abbrach. Fortan beschäftigte sie sich mit Kunstgeschichte, Archäologie und Städtebau. Sie tauschte das enge Korsett der juristischen Kunstsprache mit der Freiheit, die sie bis zum heutigen Tag in der Kunst und im Künstlerdasein vermutet. "Künstler sind frei im Denken und können auch mal außerhalb der Gesellschaft stehen."

Nun weiß Perdita von Kraft sehr gut, dass auch dieser Freiheitstraum inzwischen von vielen Bedingungen eingeengt wird. Zumindest die Erfolgreichen, die von ihrer Kunst gut leben können, "vermarkten sich, bereiten ihre Ausstellungen minutiös vor, kennen den Kunstmarkt und haben Assistenten".

Dieser Realismus ist Teil der Kraft‘schen Lebenswelt, auf dem Spaziergang durch ihre Vergangenheit lässt er sich im Elternhaus entdecken. Die Eltern waren Kaufleute. "Das Leistungsprinzip war in der Familie vorgegeben", erinnert sie sich. "Die konnten nicht so schnell locker lassen, da wurde das Pensum immer erfüllt."

Sie selbst kann mit diesem "Doppelleben" gut leben. Die Kunstliebhaberin, die Museumsmanagerin.

Es gäbe noch viel zu entdecken in dieser schwer vermessbaren Landschaft, etwa Perdita von Krafts Vorliebe zu kochen und gut zu essen. Doch es wird Zeit, sich aus ihrer Geschichte zu verabschieden. Und gewiss wird es einen Tag danach geben. Perdita von Kraft wird sich neuen Projekten widmen, man wird von ihr hören, wie es so schön heißt.

Vielleicht wird sie Zeit finden, zu flanieren. "Ich bin immer gerne spazieren gegangen, stromerte herum." Dabei entdeckte sie viel, machte sich hier und da Notizen. Sie hat sie noch alle, diese Notizen. "Damit die Dinge nicht so wegrutschen." Es kann gut sein, dass nun wieder neue Notizen dazukommen.

Perdita von Kraft, die scheidende Museumsdirektorin, wendet den Blick nach innen und denkt darüber nach. Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden. Die alte Frau mit dem Rollator ist nicht mehr da.

Jetzt ist es eine Familie mit lachenden Kindern, die am Fenster des Büros vorbeispaziert. Die Fontäne spritzt munter ihr Amtsteich-Wasser in den Himmel, der heute etwas Trauer trägt.