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| 01:46 Uhr

Damit der Piks Routine wird – Ferienlager für zuckerkranke Kinder

Welches Essen ist gesund für mich? Auch das lernen die Kinder im Schlaubetaler Kurs, der dieses Jahr zum 20. Mal stattfand. Foto: dpa
Welches Essen ist gesund für mich? Auch das lernen die Kinder im Schlaubetaler Kurs, der dieses Jahr zum 20. Mal stattfand. Foto: dpa FOTO: dpa
Bremsdorf. Ihr Leben ist nicht einfach. Kinder, die an der Zuckerkrankheit leiden, sind oft Außenseiter. Mehrmals täglich benötigen sie Insulin, egal wo sie gerade sind. Sie müssen Werte messen und auf sich achten. Im zweiwöchigen Kids-Kurs sind sie die Hauptpersonen. Von Steffi Prutean

„Zu fett gegessen – setze zwei Felder aus. Milch getrunken, die Darmflora unterstützt – rücke sechs Felder vor.“ Das Würfelspiel, das sich entlang eines aufgemalten menschlichen Verdauungstraktes bewegt, macht den Mädchen Spaß. Die Spielvorlage ist ungewöhnlich. Nicht alltäglich sind auch Messgeräte, die bei den Zehnjährigen am Platz liegen: Die Kinder sind zuckerkrank – Diabetes mellitus Typ 1. Sie brauchen mehrmals täglich Insulin. In dem zweiwöchigen Schulungs- und Behandlungskurs in Bremsdorf (Oder-Spree) lernen sie, sich optimal auf die Krankheit einzustellen, aber auch zu spielen und Sport zu treiben. Der 20. Kids-Kurs geht am morgigen Sonntag zu Ende. „Schade“, sagt Vivien, die aus der Nähe von Hildesheim kommt. Sie wäre gern noch geblieben, traf sie doch Kinder, die auch Diabetiker sind wie sie. „Sonst gibt es niemanden mit Diabetes in meinem Umfeld“, erzählt die Zehnjährige. Gelernt hat sie auch etwas: „Wenn ich wegfahre, weiß ich jetzt, was ich alles mitnehmen muss.“ Bisher packte ihrer Mutter alles ein. Künftig will sie sich selbst kümmern. Das ist ein Anliegen des Aufenthalts in der Jugendherberge im Schlaubetal. Die Kinder sollen selbstständiger werden.

„Manche sind das erste Mal von zu Hause weg“, sagt Karsten Milek, der das Camp organisiert. „Die Frage dreht sich bei allen Aktivitäten dieser Kinder darum, wer übernimmt die Verantwortung“, erklärt der Mediziner, der in Sachsen-Anhalt praktiziert. „Bei Belastungen, wie Sport und Spiel, muss der Blutzuckerspiegel eingestellt werden.“ Das wird im Kids-Kurs gelernt. Helfer sind immer in der Nähe. Im Rucksack tragen sie alles, was nötig ist, auch die Akten der Kinder mit Foto – damit keines verwechselt wird. „Sicherheit muss sein“, so der Arzt. Für den Kurs erhielten 80 Kinder die Genehmigung der Kassen. Mehr als 160 hatten sich beworben.

Glück hatte Paula aus Nordrhein-Westfalen, die bisher nie allein von zu Hause fort war. „Anfangs fiel mir das schwer. Doch jetzt habe ich Freunde gefunden“, sagt die Zehnjährige. Auch sie hat dazugelernt, so beim Umgang mit den Gerätschaften und wie diese gesäubert werden. Bei manch einem Kind ringelt sich ein dünner Schlauch aus Hosenbund oder Pullover. Diese Mädchen und Jungen tragen einen Katheter. Angeschlossen ist ein kleines Gerät mit Insulin, das den Körper versorgt. Der Katheter muss spätestens nach zwei Tagen gewechselt werden, erläutert Gesundheitswissenschaftlerin Susanne Milek. „Das Ziel ist, sich den Katheter selbst zu setzen.“ In Deutschland erkranken im Schnitt sieben Kinder pro 100 000 Einwohner an Typ 1, ein mittlerer Platz im Europavergleich, sagt sie. Für die Kinder ist der Stich in die Haut Alltag. Gepikst wird zum Messen von Blutzucker und Spritzen von Insulin. „Hier ist Zeit zum Üben“, sagt Karsten Milek, der seinen Urlaub dafür opfert.

Auch auf die Ernährung müsse geachtet werden. Diätassistentin Anja Lang ergänzt, das Essen müsse abgewogen, die Broteinheiten berechnet werden. „Nichts ist verboten, aber es darf nur in Maßen verzehrt werden.“ Trotz aller Aufgaben bleibt Zeit für Exkursionen, für Sport und Spiel. Die medizinischen Kosten übernehmen die Kassen, für die Freizeitaktivitäten ist der Förderverein für Kinder und Jugendliche mit Diabetes auf Spenden angewiesen.

Ein ähnliches Betreuungsprogramm gab es in der DDR. Anfang der 1990er-Jahre initiierte die damalige Brandenburger Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) diese neue Form. Bisher nahmen 1700 Kinder und Jugendliche teil. Zwei Drittel kommen aus Brandenburg, ein Drittel aus anderen Bundesländern, so Bernd Müller-Senftleben, Referent für Sozialmedizin im Gesundheitsministerium in Potsdam.