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| 02:42 Uhr

Damit Cottbus-Görlitz zur Sprintstrecke wird

Die Lausitz will die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Cottbus nach Görlitz.
Die Lausitz will die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Cottbus nach Görlitz. FOTO: Ch. Taubert
Cottbus/Dresden. Seit Jahrzehnten hofft die Lausitz auf die Elektrifizierung der Bahnstrecke Cottbus-Görlitz. Erst war Ende der 1980er-Jahre in der DDR das Geld zu knapp. Dann verharrte das Projekt regungslos im Bundesverkehrswegeplan (BVWP). Jetzt könnte es Bewegung geben. Und auf der Straße kommt eine 3-spurige Schnellstraße Zittau-Görlitz-Cottbus in die Diskussion. Christian Taubertund Christian Köhler

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Dieses noch relativ junge Sprichwort könnte kaum treffender die Situation um ein Lausitzer Verkehrsprojekt beschreiben, das seit beinahe einem halben Jahrhundert immer wieder in den Schlagzeilen ist. Schon zu DDR-Zeiten war ein Ausbau der eingleisigen Diesellok-Strecke zwischen Cottbus und Görlitz auf zwei Gleise und mit elektrischem Fahrdraht anvisiert worden. Weiter als bis zur "Randnotiz" in Bundesverkehrswegeplänen hat es das Projekt aber nie geschafft.

Nach Jahrzehnten eröffnet sich nun für die Lausitz eine große Chance. Zwar ist der BVWP bis 2030 schon beschlossen. Eine Hintertür hat der Bund für dieses Vorhaben aber noch offen gelassen. Um in die Kategorie des vordringlichen Bedarfs des BVWP aufzurücken, müssen Potenziale und Wirtschaftlichkeit der 93,7-Kilometer-Strecke nachgewiesen werden.

Im Paket mit dem Bekenntnis, dass Brandenburg und Sachsen gemeinsam Geld für Vorplanungen in die Hand nehmen und der bevorstehende Strukturwandel in der Region bessere Verkehrsverbindungen benötigt, "haben wir gute und belastbare Argumente", sagt Jens Krause. Der Optimismus des Verkehrsexperten der Indus trie- und Handelskammer (IHK) Cottbus gründet sich auf einer von der IHK in Auftrag gegebenen Studie. Sie macht deutlich:

Statt zwei Gleisen soll es beim bestehenden einen Gleis bleiben, allerdings mit weiteren Ausweichstellen.

Die elektrische Oberleitung wird auf Tempo 120 (statt 160 km/h) ausgelegt, wofür maximal zwei Trafostationen notwendig wären.

Es kommen Mehrstrom-Lokomotiven zum Einsatz, die das Fahren in unterschiedlichen Stromnetzen (Deutschland: 3000 Volt Gleichstrom; Polen: 15 000 Volt Wechselstrom) ohne Umspannen ermöglichen.

Für den Leiter der Studie, Ralf Behrens, hat der Ausbau unter diesen Prämissen eine enorme Netzwirkung für Bund und Europa. So würden zwischen Cottbus, Schleife und Horka (Abzweig nach Polen) gut ein Drittel Züge pro Tag mehr verkehren (siehe Grafik). Die Studie der anerkannten Eisenbahnexperten von Wagener & Herbst Management Consultants GmbH verweist zudem darauf, dass es für die Aufwertung und Forcierung des Zugverkehrs nach Polen mit dem Bahnkonzept 2022 keine Alternative zur Elektrifizierung gibt (siehe Infobox).

Das Interessen Sachsens an der Elekrifizierung leitet sich "aus der besseren Erreichbarkeit der wachsenden Stadt Görlitz ab", sagt Matthias Hartmann, der Referatsleiter Verkehr der IHK Dresden. Das gemeinsame Engagement von Sachsen und Brandenburg ergebe sich aber auch wegen der wachsenden Güterverkehre mit Polen und Tschechien auf der Schiene, die sich bis 2050 verdoppeln sollen. Und: "Die Elbtalstrecke ist bereits an die Grenze der Belastung angekommen", erklärt Hartmann.

Die Strecke Berlin - Cottbus - Görlitz - Breslau hat aber noch ein zweites Nadelöhr. "Ohne das zweite Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus büßen wir wieder ein, was durch eine Elektrifizierung von Cottbus-Görlitz gewommen wird", sagt Jens Krause. Deshalb ist die Hoffnung groß, dass Planungsvorleistungen der Länder auf beiden Strecken noch den Weg in den vordringlichen Bedarf des BVWP ebnen. Unter dieser Voraussetzung sieht es Ralf Behrens "als realistisch an, beide Vorhaben bis 2026 realisieren zu können".

Damit wäre vor dem Hintergrund des bevorstehenden Strukturwandels in der Lausitz die Schiene bedient. Doch aus Sicht des sächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Baum gehören Schiene und Straße zusammengedacht. Deshalb hebt er eine Idee aus den 1990er-Jahren wieder ins Licht der Öffentlichkeit: eine dreispurige Schnellstraße von Zittau über die Autobahn 4 an Weißwasser vorbei bis an die A 15 bei Cottbus. "Diese Trasse würde dem grenzüberschreitenden Verkehr und der gesamten Region zugute kommen", betont Baum, der einst Verkehrsplaner war.

Der Zeitpunkt für das Projekt sei auch deshalb optimal, weil im Süden des Landkreises Görlitz Lückenschlüsse - an der B 178n bei Zittau sowie die Anbindung zur A 4 bei Weißenberg - geplant werden. Die Autobahnen A 4 und A 15 mit einer Schnellstraße zu verbinden, ist auch für Weißwassers OB Torsten Pötzsch (Klartext) "dringend notwendig". Er werde das Projekt in der Lausitzrunde vorsellen. Unterdessen will Thomas Baum bei den Landesbehörden in Sachsen und Brandenburg die Werbetrommel rühren: "Eine Machbarkeitsstudie zur B 178n ist der nächste Schritt."

Mehr zum Projekt B 178n:

lr-online.de/weisswasser

und lr-online.de/re2

Zum Thema:
Wenn der Bahnstrecke zwischen Berlin und dem polnischen Wroclaw (Breslau) die durchgehende Elektrifizierung versagt bleibt, werden Züge auch Ende 2018 rund 4:15 Stunden Fahrzeit benötigen. Görlitz wäre von Berlin aus in satten drei Stunden per Schiene erreichbar.Zum Vergleich: Mit dem Pkw wird Berlin-Wroclaw in 3:45 Stunden und Berlin-Görlitz in 2:45 Stunden erreicht. Die Bahn ist damit nicht wettbewerbsfähig. Intercity (IC) oder Eurocity (EC) Berlin-Cottbus-Görlitz-Wroclaw - wie von der Bahn ab 2022 geplant - haben keine Chance.Mit der Elekrifizierung zwischen Cottbus und Görlitz reduzieren sich die Fahrzeiten per EC von Berlin nach Wroclaw auf 3:45 Stunden und per IC von Berlin nach Görlitz auf 2:15 Stunden. Mit Fahrdraht könnten vier EC- und vier IC-Zugpaare pro Tag verkehren.