Als Schwester Conny (44) Kurt Konzack (Name geändert) das erste Mal zu Hause besuchte, fand sie „ein Häufchen Unglück“ vor. Seine Frau war verstorben, seine Kinder der Arbeit hinterher gezogen, er selbst nach einer Bandscheiben-OP ein Pflegefall. Ein Pflegefall allerdings, den noch niemand zur Kenntnis genommen hatte. Zum zweiten Besuch bei dem 67-Jährigen brachte die Gemeindeschwester eine Pflegerin aus Burg mit. Kurt Konzack bekam sofort eine Pflegestufe - und alles, was dazu gehört: erhöhter WC-Sitz, Rollator, Gitterbett, mobiler Pflegedienst. Den Inhalt des Medikamentenschranks von Konzack kippte Schwester Conny über seinen Wohnzimmertisch aus. „Da waren richtig harte Sachen dabei, die er gar nicht brauchte. Morphium-Tabletten zum Beispiel“ , erzählt die Lübbenauerin. Außerdem waren die vielen Arzneien, von mehreren Praxisärzten verschrieben, in ihrer Wechselwirkung gar nicht aufeinander abgestimmt.
Medikamentenkontrolle ist immer das erste, was eine Gemeindeschwester macht. Danach kommt die Sturzvorbeugung. Schwester Conny geht mit ihren Schützlingen durchs Haus auf der Suche nach Stolperfallen. Teppiche, Stufen, flache Möbel, zu schwache Beleuchtung, das falsche Schuhwerk. Zuletzt, und das ist für die ehemalige Krankenschwester oft das Bitterste, kommt der Gedächtnistest: „Wenn meine Menschlein keine Uhr mehr malen können und ständig vergessen, was sie mir eine Minute vorher erzählt haben.“

Zornige Krankenschwester
70 Patienten betreut Schwester Conny mittlerweile. Sie nennt sie liebevoll „meine Menschlein“ . In ständiger Absprache mit zwei Ärzten, einem Kardiologen und einem Allgemeinmediziner aus Lübbenau, schwärmt sie täglich in den Spreewald aus. „Wie kann Herr Wolter da von Parallelstrukturen reden. Wir drei Gemeindeschwestern arbeiten doch eng mit den Ärzten zusammen. Wir vergrößern nur ihren Wirkungskreis.“ Man merkt bei solchen Sätzen, dass die examinierte Krankenschwester auch richtig zornig werden kann. Dass der Spreewald nicht zu den unterversorgten Gebieten in Brandenburg gehört - auch so eine Äußerung, die Cornelia Menzel aufregt: „Da schlummert so viel stilles Elend. Ohne Gemeindeschwestern würde das doch gar nicht erst entdeckt werden.“ In der Ärztekammer wisse man offensichtlich nicht, was draußen los ist. Als eines ihrer „Menschlein“ aus Boblitz (Oberspreewald-Lausitz) von der Ärztekammer-Kritik am Gemeindeschwester-Projekt gelesen habe, bekam Schwester Conny zu hören: „Bevor Sie nicht mehr kommen, möchte ich lieber einschlafen.“ Ein zweiter Patient habe sich ähnlich geäußert. Als Cornelia Menzel ihre Hausbesuche wegen einer Knie-OP einmal drei Wochen lang unterbrechen musste, seien alle todtraurig gewesen. Es sei ja nicht nur die medizinische Versorgung gefragt, das Wechseln von Verbänden, das Setzen von Spritzen. „Gerade die Alleinstehenden brauchen Zuwendung, jemanden, der ihnen auch mal zuhört, sie streichelt und in den Arm nimmt.“ Eine Arzthelferin, räumt Cornelia Menzel mit einem Missverständnis auf, könne eine Gemeindeschwester nicht ersetzen. Die Schwestern Conny, Gabi und Christina, die im August und September vergangenes Jahres das Modellprojekt Gemeindeschwester gestartet haben, sind allesamt examinierte Krankenschwestern. Streng genommen dürfe eine Arzthelferin - für Hausbesuche eingesetzt - Patienten nicht einmal Blut abnehmen. „Unsere Kompetenzen sind vielfältiger.“ Und sie werden noch vielfältiger, da die Universität Greifs wald das Projekt des Landes Brandenburg wissenschaftlich begleitet. So hat die Lübbenauerin zum Beispiel über das Thema Sterbebegleitung in den vergangenen Monaten sehr viel dazu gelernt. Leider, wenn sie an einige ihrer „Menschlein“ denkt, werde sie dieses Wissen wahrscheinlich auch gut gebrauchen können.

Festanstellung aufgegeben
Cornelia Menzel hat für das Modellprojekt mit zwei Jahren Laufzeit und ungewisser Zukunft eine Festanstellung aufgegeben. Warum ging sie mit 44 Jahren noch dieses Berufsrisiko ein? Nach 16 Jahren Krankenschwestern-Alltag in Berlin, erzählt sie, war sie zuletzt in einem Pflegeheim in Burg im Spree-Neiße-Kreis beschäftigt. Nicht, dass es ihr dort schlecht gefallen hätte. Aber ihr sei sofort klar gewesen, dass sie als Gemeindeschwester den optimalen Job gefunden hat. Einen, den schon ihre Tante ausgeübt hat. „Ich bin ein sozialer und ein sensibler Mensch.“ Und indem Cornelia Menzel das sagt, wird klar, dass sie außerdem sehr selbstbewusst ist.