W enn der Vorstand der Landesärztekammer am Freitag zur vorbereitenden Sitzung für die tags darauf folgende Kammerversammlung nach Cottbus anreist, dann kommen Präsident Dr. Udo Wolter aus Neuruppin und seine Vorstandsmitglieder aus Jüterbog, Bernau, Strausberg, Potsdam, Treuenbrietzen und Rathenow. Um die Ecke arbeitet und wohnt nur Hubertus Kruse, Kardiologe aus Forst. Hinter vorgehaltener Hand wird hinter dieser Konstellation das Ansinnen vermutet, den Hauptsitz der Kammer nach Potsdam zu verlegen. Das Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg, sich in deren geplanten Neubau ab dem Jahre 2015 einzumieten, scheint das Vorhaben noch beschleunigt zu haben. Letztlich ist im November 2011 der Auftrag aus der Delegiertenversammlung an den Vorstand ergangen, die politischen und wirtschaftlichen Effekte eines möglichen Umzugs nach Potsdam zu prüfen.

Seit einer RUNDSCHAU-Veröffentlichung im Januar haben sich Mediziner aus der Lausitz wiederholt ablehnend gegenüber dem Umzug geäußert. Dass die Kammer erst im April 2008 ein 1,4 Millionen Euro teures neues Gebäude in Cottbus bezogen hat, das nun mit Verlusten aufgegeben werden müsste, wird in den Briefen und Mails scharf kritisiert. Und es wird vermutet, dass höhere Mitgliederbeiträge ins Haus stehen, um den Potsdam-Umzug zu bezahlen.

Eine neue Stufe des Protestes bildet ein Offener Brief von Chefärzten und anderen ärztlichen Mitarbeitern des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums. Die Mediziner des größten Krankenhauses Brandenburgs bringen gegenüber dem Präsidenten und dem Vorstand der Landesärztekammer zum Ausdruck, dass ein Umzug nach Potsdam "nicht im Interesse der Ärztinnen und Ärzte wäre, die in Cottbus und in den ländlichen Regionen des Landes Brandenburg tätig sind". Eine solcher Umzug habe eine verheerende Signalwirkung, heißt es in dem Offenen Brief. "In einer Zeit, in der in berlinfernen Teilen unseres Landes um jeden Arzt mit erheblichem finanziellen und logistischen Aufwand gerungen wird, kann man sich ein schlechteres Signal nicht vorstellen." Im Sinne der Sicherung der ärztlichen Versorgung in der Fläche des Landes solle vielmehr keine Gelegenheit versäumt werden, periphere Standorte der ärztlichen Versorgung und Selbstverwaltung zu stärken und so deren Attraktivität zu erhöhen. "Ich unterstütze den Inhalt des Briefes", erklärt Prof. Dr. Michael Schierack, Orthopäde in Cottbus, und fügt hinzu: "Ich hoffe, dass die Vernunft siegt."

Die Büroleiterin des Kammer-Präsidenten, Heike Wetterau, hat am Dienstag auf RUNDSCHAU-Anfrage darauf verwiesen, dass der Offene Brief der Kammerversammlung am Samstag zur Kenntnis gegeben werde. Eine Bewertung obliege allein diesem Gremium. Hier werde den rund 100 Kammervertretern auch die angekündigte Umzugsanalyse vorgestellt. Sie soll nach RUNDSCHAU-Informationen darauf verweisen, dass ein Umzug mit allen Folgen in Zusammenhang mit der Aufgabe des Standortes Cottbus wirtschaftlich nicht darstellbar sei. In Kreisen der Kammerversammlung wird gemutmaßt, dass der Vorstand - entgegen der Forderung der Ärzte des Thiem-Klinikums, die über die Analyse beraten wollen - ein Votum herbeiführen wolle. Offenbar werde es einen Vorschlag geben, die Analyse per Tischvorlage zu unterbreiten und abzustimmen.

Der Vorteil eines Umzuges nach Potsdam wird bisher mit der größeren Nähe zu den politischen Entscheidern und kürzeren Anreisewegen der Kammermitglieder begründet. Die CTK-Mediziner regen dagegen in ihrem Brief an, moderne Informationstechnik wie Telefon- oder Videokonferenzen zur Kommunikation zu nutzen .

Den kompletten Offenen Brief aus dem CTK lesen Sie ier: