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CSU zwischen Pragmatismus und Stoiber-Dämmerung

War dies ein guter Tag für Edmund Stoiber? Wenn es nach Wahlergebnissen geht, dann ja. Von Ralf Isermann

Einstimmig verabschiedete die CSU gestern auf ihrem kleinen Parteitag in München den Koalitionsvertrag mit CDU und SPD und auch bei einem zweiten Votum bekam der bayerische Ministerpräsident hundert Prozent. Die Abstimmung über das Vertrauen zu Stoiber als Parteichef fand noch vor Beginn des CSU-Parteitags spontan im Vorstand der Christsozialen statt. Doch die von Vorständlern nach einer angeblichen Putsch-Forderung initiierte Aktion warf vor allem die Frage auf, inwieweit die Stoiber-Dämmerung schon fortgeschritten ist, dass er solch ein Votum benötigt.
Stoiber selbst hatte aus der Prügel seiner Parteifreunde in den Tagen seit seinem Rückzug aus der großen Koalition Lehren gezogen. Statt wie gewohnt mit einem langatmigen Referat auf den Verstand der CSU zu zielen, versuchte er es mit einem ungewohnten Appell an die Herzen. "Es tut mir Leid", sagte Stoiber zu dem Hin und Her um seinen Wechsel ins Wirtschaftsministerium und die darauf gefolgte öffentliche Kritik. "Ich leide wie ein Hund. Die CSU ist ein Stück meines Lebens. Ich habe dieser Partei ungeheuer viel zu verdanken."
Solch eine Art Kniefall hatte die Partei von Stoiber auf dem Parteitag erwartet. Dass er mit der bereits im Vorfeld angekündigten, sicher gut gewogenen Entschuldigung diese Erwartungen nur erfüllte und nicht übertraf, bekam Stoiber aber beim Applaus zu spüren: Allenfalls wohlwollend bedachten die 200 Delegierten aus den bayerischen Kreisen und Bezirken die Stoiber-Rede. Von dem bei der CSU üblichen großen Parteitagsjubel für den Parteichef war diesmal nichts zu hören.
"Wir haben ihm zwar sehr viel zu verdanken", sagte die 31 Jahre alte Josefa Schmid aus dem Kreisverband Regen zu der kritischen Stimmung. Doch nach den vielen Fehlern Stoibers im Wahlkampf und den Geschehnissen in den Wochen danach sieht sie die Lage düster. "Man ist traumatisiert in der CSU", beschreibt die Niederbayerin die Stimmung an der Parteibasis. Der Hauptschuldige dafür sei Stoiber. Nur eine "Gnadenfrist" sehe sie noch für den lange unumstrittenen CSU-Chef. Einer, der am weitesten vorgeprescht war, machte gestern aber einen Rückzieher. "Ich habe nie zum Putsch aufgerufen", sagte der bayerische Junge-Union-Chef Manfred Weber. Aussagen von ihm in einem Interview seien falsch verstanden worden. "Aber: Wir wollen die inhaltliche und personelle Erneuerung."