Markus Wegner braucht nicht viel für seinen Job. Einen Schreibtisch, einen Laptop und eine Kaffeemaschine in Reichweite. Vor allem braucht er Platz zum Kreativsein und Sonnenlicht, das auf den Tisch strahlt. Beides hat Wegner gefunden in einem alten Autohaus in der Innenstadt von Herzberg. Wegners neues Büro ist groß und hell und bietet gleich mehrere Arbeitsplätze. Der 46-Jährige teilt ihn mit anderen Freiberuflern. Jetzt gerade ist er allein, seine Mit-Mieter sind ausgeflogen. Auch nicht schlecht, da macht ihm keiner den Kaffee streitig.

Für Grafikdesigner wie ihn ist ein Coworking-Space genau das Richtige. Er hat keinen Chef, keine festen Arbeitszeiten, keine Konferenzen. Arbeiten kann er von überall aus, wo es Internet gibt. Zeitweise war das Berlin, dann hatte er es satt. Jetzt sitzt er 100 Kilometer weiter südlich. Seine neue Geschäftsadresse ist Lugstraße, Herzberg, Kreis Elbe-Elster.

Leute wie Wegner sind die neuen Hoffnungsträger für den ländlichen Raum. Sie sind gut ausgebildet, herumgekommen und bringen einen Hauch von großer Welt in kleine Orte.

Eine Reihe von Initiativen versucht neuerdings, Hipster und Kreative aufs Land zu locken. Der Lockruf lautet: Lasst den Mietwahnsinn hinter Euch, denn da draußen gibt es weites Land, das auf Euch wartet! Lockmittel Nummer eins ist Platz für Gemeinschaftsbüros, denn so arbeitet die digitale Avantgarde. In alten Gemäuern, mit glühenden Netzteilen und in Gesellschaft anderer schlauer Köpfe, die irgendwas Spannendes machen.

Kommunen rund um Berlin haben die Chance erkannt, so Leben in ihre alten Brachen zu holen. Freiberufler und Selbständige können sich Schreibtische mieten, um gemeinsam zu arbeiten. Sie teilen sich Miete, Heizung und Drucker - und sie kommen raus aus dem Home-Office. Sie schätzen Innenstädte mit leeren Ladenlokalen oder Gutshäuser mit leeren Sälen. Räume mit Charakter eben, in denen neue Start Ups upstarten können. In der Hauptstadt kostet sowas inzwischen ein Vermögen, auf dem Land gibt es das oft sogar für die ersten Monate mietfrei.

Dazu müssen die Hipster allerdings erstmal raus aus den Metropolen. Und das ist nicht so leicht. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat dazu eine ganze Studie vorgestellt. „Urbane Dörfer - wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“, heißt die Studie, an der auch die Berliner Denkfabrik Neuland 21 mitgeschrieben hat. Ländliches Coworking ist „im Moment noch eine Nischen-Erscheinung“, sagt Neuland 21-Geschäftsführerin Silvia Hennig. Aber es werde mehr. Im Auge hat Hennig junge Leute in Wissens- und Kreativberufen. Programmierer, Architekten oder Sozialwissenschaftler können sich in den ländlichen Gemeinschaftsbüros zusammenfinden. Oder eben Grafikdesigner wie Markus Wegner. Sie wollen keine Neubauten am Stadtrand. Sie mögen es baufällig. Coworker verwirklichen ihre Ideen in stillgelegten Fabriken, Klöstern und Gütern.

Der Space in Herzberg hat eine bewegte Biografie. Früher war es mal ein Autoteilehandel, der dann aufstieg zum Autohaus. Als das schloss, kamen ein Sportladen und ein Teeladen. Dauerhaft funktionierte das nicht. Die städtische Wohnungsgesellschaft wollte hier etwas Neues probieren. Alles besser als Leerstand.

Noch sind nicht alle Plätze vermietet. „Wer zu uns kommt, kriegt einen anständigen Büroplatz mit Internetanschluss“, sagt Wegner, „und nette Nachbarn.“ Alles um ihn herum sieht noch frisch aus. Weiße Wände, neu duftender Fußbodenbelag. Gerade bastelt er Papierkörbe, er näht sie zusammen aus alten Planen. Die Kaffeebar ist für alle da. Ein bisschen Latte macchiato-Esprit in einer 9000-Einwohner-Stadt.

Wegner stammt aus Österreich, man hört es ihm an. Nach Berlin ging er, weil alle da hin wollen. Nach Herzberg kam er, weil er mit seiner Frau etwas Neues suchte. Inzwischen ist er heimisch geworden.

Zum Lebensgefühl im Städtchen gehört, dass der Bürgermeister ab und an reinschneit. „Wir sind sehr froh, dass wir sowas hier anbieten können“, sagt Karsten Eule-Prütz. Der Rathauschef weiß, dass kleine, zarte Pflänzchen wie dieses viel mehr zum Blühen bringen können. Wichtig ist nur: Werbung, Werbung, Werbung. Er ist oft in Berlin und Potsdam, um in regionalen Strategie-Runden Herzbergs Fahne hochzuhalten. „Man muss das alles mitmachen, um zu ziegen, dass man da ist“, sagt Eule-Prütz.

Coworking kann viel bewirken - aber nicht alles. „Es ist oft so, dass Kommunen, die das anstoßen, ganz andere Sachen im Kopf haben“, sagt Silvia Hennig. Da wünsche man sich Gemeinschaftsorte, in denen die Leute zusammen kommen. Wenn Hennig mit Bürgermeistern spricht, muss sie noch viel erklären, was Coworking eigentlich ist. Und dass man es nicht einfach bestellen kann. „Die Leute, die aufs Land wollen, suchen sich Orte, die ihnen gefallen.“

Natürlich müssen die Bedingungen stimmen. Leere Räume alleine reichen nicht. Die Orte müssen gut erreichbar sein, dafür ist ein gut funktionierender Nahverkehr nötig. Vor allem aber Breitband-Internet. Ohne flächendeckende Digitalisierung kommen keine Digitalarbeiter.

Die Macher der Studie empfehlen deshalb der Politik, bürokratische Hürden herunterzufahren. Denn ohne leistungsfähige Kabel haben die Dörfer im Wettbewerb um die kreativen Stadtflüchtlinge keine Chance.

Erster Co-working Space in der Neißestadt Guben fördert neue Arbeitsformen