Ein wenig Kraft sammeln. Dafür kommen die Weihnachtsfeiertage jetzt gerade recht. Paul Weisflog hat in den vergangenen Monaten viel Zeit auf der Straße verbracht. Dabei muss der Cottbuser eigentlich auch noch studieren. Doch weil es um seine Uni und um seine Stadt geht, schiebt er seit Monaten Sonderschichten. Sein Ziel: Die Cottbuser BTU soll eigenständig bleiben. Deshalb hat der 30-Jährige Demonstrationen mitorganisiert, Unterschriften gesammelt, Verbündete gesucht.

Dabei könnte ihm die Zukunft der Uni eigentlich egal sein. Schließlich wird er demnächst fertig sein. Doch nach mir die Sintflut - da spielt Weisflog nicht mit. "Ich sehe meine Verantwortung als Studierendenvertreter auch in der Solidarität mit den künftigen Studenten, sie sollen ebenfalls eine vernünftige Ausbildung erhalten", sagt er. Als Stadtverordneter schaut er auf die derzeitige Fusionsdebatte noch aus einem anderen Blickwinkel, aber nicht minder mit Sorge. "Die Studenten bereichern das kulturelle Leben in der Stadt, sie sind wichtig für das wirtschaftliche Überleben", betont er.

Die Geschichte von Paul Weisflog steht exemplarisch für viele Cottbuser. Sie haben sich eingemischt in Stadtpolitik, begehrten auf gegen tatsächliche und vermeintliche Ungerechtigkeiten oder sammelten Unterschriften, weil sie sich von Liebgewonnenem nicht trennen wollen. Sie sind Wutbürger - im positiven Sinne. In solch geballter Form habe ich das in den vergangenen Jahren in Cottbus nicht erlebt.

Ei ngemischt hat sich auch Volkmar Knopke. Der 70-Jährige gehört zu den Mitbegründern der Bürgerinitiative, die sich gegen die Altanschließerbeiträge wehrt. Natürlich denkt Knopke dabei an sein Portemonnaie. Für die 3500 Euro, die er für den Anschluss seines Grundstücks an das Abwassernetz bezahlen musste, hätte sich leicht eine andere Verwendung gefunden. Doch der Cottbuser hat sich auch deshalb an die Spitze einer Bürgerinitiative gestellt, weil es ihm um Korrektheit und Gerechtigkeit geht. Beides vermisst er im gegenwärtigen Verfahren .

Nimmt man die Zahl der inzwischen durch die Stadt verschickten Beitragsbescheide, ist der 70-Jährige so etwas wie der Interessenvertreter von mehr als 7000 Cottbusern. Doch der Widerstand ist ein mühsames Geschäft. Die Erfolge blieben bislang überschaubar. "Macht das alles denn noch Sinn, wenn nur 200 Leute zur Demo kommen?", fragte sich Knopke Mitte des Jahres. Und s o organisierte die Initiative eine Bürgerversammlung, von deren Ausgang er abhängig machen wollte, ob es mit dem Protest weitergeht. "Kommt niemand, dann schmeiße ich hin", erklärte er. Es war Ende September - und die Leute strömten nach Ströbitz. Vor der Wacker-Vereinsgaststätte reihte sich Auto an Auto, im Saal wurden die Plätze an den Tischen knapp. Rund 100 Leute bei einer schnöden Versammlung. Für Cottbuser Verhältnisse ist das eine gute Zahl. Zwei Stunden redeten sich die Leute den Frust von der Seele. Dann war für Volkmar Knopke klar: Aufgeben kommt nicht infrag e.

Mit Joachim Schreck traf ich mich in seinem Garten. Der liegt nicht weit von den Bahngleisen entfernt, und das ist für den Cottbuser auch gut so. 43 Jahre lang hat er schließlich bei der Bahn gearbeitet, erzählte er nicht ohne Stolz. Deshalb reagierte er besonders sensibel auf die Nachricht, dass der Spreewaldtunnel geschlossen werden soll. Schreck kramte bei unserem ersten Treffen ein halbes Dutzend DIN-A4-Blätter hervor, alle fein säuberlich mit Plastehüllen geschützt. 100 Unterschriften hatte der pensionierte Eisenbahner innerhalb einer Woche dafür gesammelt, dass der Tunnel erhalten bleibt. Er tat das für die Studenten, Mitarbeiter im Ausbesserungswerk oder Berlin-Pendler. 1200 Menschen nutzen täglich den Tunnel. Ohne ihn müssten die Bahnreisenden künftig einen mehr als einen Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen. Am Ende des Jahres hatte Schreck rund 4000 Unterschriften zusammen. Für einen Einzelkämpfer, der mit Stift und Papier durch die Straßen und Geschäfte gezogen ist, eine beeindruckende Bilanz.

4200 Unterschriften sogar hat Jens Krause gesammelt, allerdings virtuell. Als die Pläne der Stadt bekannt wurden, Kita- und Hortgebühren um bis zu 75 Prozent zu erhöhen, rief der Vater zweier Kinder eine Online-Petition ins Leben. Alle, die gegen die höheren Gebühren waren, konnten ihre Stimme auf einer Internetseite abgeben. Damit freilich nicht genug. Die spontan gegründete Initiative bewies Organisationstalent. Fortan saßen in beinahe jedem Fachausschuss, der sich mit den Gebühren beschäftigte, auch Eltern im Publikum. Dort baten sie um Rederecht und appellierten an das Gewissen der Volksvertreter Eine kurzfristig organisierte Demonstration vor dem Rathaus wurde zu einem vollen Erfolg. 500 Eltern und Großeltern protestierten, vielleicht waren es auch 1000 Demonstranten. Die Initiative verbuchte schließlich einen Teilerfolg für sich. Die Pläne wurden wieder von der Tagesordnung genommen und sollen nun überarbeitet werden.

Doch wie motiviert man sich, über Monate oder sogar Jahre für das vermeintlich Gute und Gerechte zu kämpfen, wenn die Erfolge ausbleiben? Volkmar Knopke findet dafür eine einfache Erklärung. "Ich will, dass Cottbus weiter lebenswert bleibt." Das sei ihm als gebürtigem Cottbuser besonders wichtig. Den Begriff Wutbürger lässt er sich deshalb gern gefallen, findet ihn allerdings nicht mehr ganz passend. Denn nach monatelangem Kampf sei ein Großteil der Wut verraucht. "Jetzt sind wir die traurigen Bürger von Cottbus", sagt er.

Doch egal ob Wut oder Trauer. Die nächsten Tage machen die Cottbuser Wutbürger Pause. Weihnachten heißt Innehalten. Das allerdings nur ganz kurz. Für manchen mag es wie eine Drohung klingen. Dabei ist es die erste gute Nachricht für das kommende Jahr, wenn Paul Weisflog verspricht: "Es geht weiter."