Cottbus. Es ist schon ein seltsames Zusammentreffen: Ausgerechnet in den Wochen, in denen die Auflösung der BTU Cottbus formaljuristisch besiegelt wird, reisen Wirtschaftsführer erster Güte in die Lausitz, um hier einen Mann zu ehren, der seit Jahren eng mit der Universität zusammenarbeitet.

Prof. Horst Wildemann (71) gilt als einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler des Landes. Ihm ist es zu verdanken, so sind sich zumindest viele Manager einig, dass Deutschland trotz weltweiter Krisen konjunkturellen Aufschwüngen entgegensieht.

Der Professor lehrt Unternehmensführung, Logistik und Industrieproduktion an der TU München und steht einem Beratungsinstitut mit über 60 Mitarbeitern vor. Für führende Industrieunternehmen ist er als Berater, Aufsichts- und Beiratsmitglied tätig. Ihm wurde die Staatsmedaille des Freistaates Bayern sowie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und diverse Ehrendoktorwürden verliehen. Er jongliert mit Begriffen wie "Kaizen" oder "Kanban", spricht von "atmenden Fabriken" und "just-in-time"-Lieferungen. Worte, die ungefähr das beschreiben, was Wildemanns Erfolgsgeheimnis ausmacht. Zu einer Zeit, als Japan seinen imposanten Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht absolvierte, legte Wildemann als einer der ersten Deutschen seine Schockstarre ab. Er schaute genau hin, überprüfte, adaptierte - und übertrug seine Erkenntnisse auf westliche Strukturen. Die Japaner produzierten schneller, preiswerter und flexibler als je zuvor - weil sie die gesamte Wertschöpfung sehr präzise als Prozesskette analysierten und sich bei jedem einzelnen Glied fragten, wie es sich optimieren ließe. Wildemann probierte dieses Prinzip aus und verpasste etwa dem Autokonzern VW einen "Modularen Produktbaukasten". VW wurde von einem trägen Riesen zu einem flinken, wendigen Unternehmen. Weil alle Modelle weltweit nach denselben Prinzipien gefertigt werden, lassen sich Nachfrageschwankungen optimal ausgleichen.

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der VW AG, sagt deshalb über den Wissenschaftler: "Er ist ein Innovationsmotor mit hohem Drehmoment und Leidenschaft". Fast lyrisch anmutende Beschreibungen eines Mannes, der die Wirtschaft nachhaltig "Japanisiert" hat.

"Unsere Produkte werden immer komplexer", erklärt Wildemann. "Unternehmen müssen Hunderttausende investieren, um in der Produktion immer auf dem neusten Stand zu sein."

Sein Ziel ist es, Produkte und Produktion einfacher zu machen um beweglich zu bleiben und kostengünstig auf neue Marktanforderungen reagieren zu können.

Er setzt, wenig überraschend bei einem Wirtschaftswissenschaftler, auf das Konzept der höheren Produktivität.

"Aber die können wir nicht erreichen, indem wir immer mehr Druck auf die Mitarbeiter ausüben", so Wildemann. "Wir müssen intelligente Ideen fördern, darin liegt unsere Zukunft". er setzt auf Flexibiliät statt auf starre Management-Konzepte, auf zufriedene Mitarbeiter und auf Motivation.

Diese seine Erkenntnisse versucht er seit vielen Jahren, auch in einer Kooperation mit der BTU Cottbus zu verbreiten. "Wir haben hier eine Reihe von Forschungsvorhaben durchgeführt, unter anderem zum Thema der E-Mobiliät", sagt Wildemann. Er selbst sieht sich als "Crossover-Professor" an der Schnittstelle zwischen Engineering und Betriebswirtschaft.

Für Michael Süß aus dem Siemensvorstand ist er dagegen "eine der größten, bedeutendsten und auch einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft und der deutschen Hochschullehre". Hohes Lob, das vielleicht nur Dauerleser des FAZ-Wirtschaftsteils wirklich verstehen können.

Dem Charisma und em Witz des Wissenschaftlers können sich allerdings auch Laien kaum verschließen. Etwa, wenn er bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Cottbus lächelnd zitiert: "Wir wollen Entscheidungen treffen, die auf einem sicheren Fundament fußen. Das Chaos schaut uns dabei zu - und manchmal hören wir, wie es lacht."