ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:26 Uhr

Cottbuser Sportmediziner spielte in der DDR wichtige Rolle beim Doping von Lausitzer Sportlern

Cottbus. Bodo Krocker ist in Cottbus ein anerkannter Sportmediziner. Doch er spielte auch eine wichtige Rolle beim Doping von Spitzensportlern und war mit der Stasi verstrickt. Reden will er darüber nicht. Von Simone Wendler und Thomas Purschke

Die Nachricht hatte für Aufregung gesorgt. Patienten von Bodo Krocker reagierten empört, als die RUNDSCHAU im Mai meldete, dass der Sportmediziner nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" als inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) registriert war. Krocker sei ein "guter Arzt", "fürsorglich", ein "Mensch mit viel Herz" schrieben sie in Leserbriefen.

Das ist die eine Seite des 64-jährigen Facharztes für Allgemein- und Sportmedizin. Doch es gibt auch eine andere. Das zeigen vorliegende Akten und Recherchen der RUNDSCHAU. Danach war Bodo Krocker zu DDR-Zeiten nicht nur als IM "Wartburg" registriert. Als langjähriger Chef der Sportmedizinischen Hauptberatungsstelle Cottbus spielte er eine zentrale Rolle beim Doping von Lausitzer Spitzensportlern. Zahlreiche Fragen der RUNDSCHAU dazu lässt er unbeantwortet. Er sehe keine "Dialognotwendigkeit", teilt Krocker mit.

Eine DDR-Sportlerin, die Dopingmittel bekam, war die Cottbuser Hürdensprinterin Birgit Uibel, die Anfang 2010 mit nur 48 Jahren an schweren inneren Erkrankungen starb. Seit sie 16 Jahre alt war, hatte sie wie andere "Olympia-Kader" in Cottbus das DDR-Dopingpräparat Oral-Turinabol verabreicht bekommen. Sie brachte später ein körperbehindertes Kind zur Welt und litt an schweren Schäden der Leber und der Schilddrüse.

Strafantrag gestellt

Uibel war anerkanntes Dopingopfer und hatte in den 90er-Jahren durch ihre Aussagen bei der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) zur Aufklärung illegaler Leistungssteigerung im DDR-Sport beigetragen. Dabei hatte sie auch Bodo Krocker belastet und Strafantrag gestellt. Er habe ihr damals versucht zu erklären, warum sie diese "unterstützenden Mittel" nehmen müsse und sie zur strengsten Verschwiegenheit aufgefordert. Krocker habe ihr auch mal selbst solche Pillen ausgehändigt, so ihre Aussage bei der ZERV.

Kurz vor der Verjährung mussten sich im Jahr 2000 führende Mediziner und Funktionäre des DDR-Sports in Zusammenhang mit Doping wegen Körperverletzung oder Beihilfe dazu vor Gericht verantworten. Etwa 10 000 Sportler waren vom DDR-Doping betroffen. Als Hauptverantwortliche kamen DDR-Sportchef Manfred Ewald und der oberste Sportmediziner Manfred Höppner mit Bewährungsstrafen davon.

Für den Cottbuser Sportmediziner Bodo Krocker endeten die Ermittlungen mit einem Strafbefehl. Das Amtsgericht Cottbus machte ihn mitverantwortlich für die Verabreichung von Dopingpräparaten an etwa ein Dutzend Sportler des SC Cottbus. Weil eine Verurteilung durch Strafbefehl jedoch ohne Verhandlung erfolgt, blieb diese juristische Feststellung von Krockers Beteiligung am DDR-Dopingsumpf der Öffentlichkeit bisher verborgen.

Nicht verborgen blieb der Strafbefehl durch eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft der Brandenburger Landesärztekammer. Dort saß Bodo Krocker in den beiden Prüfausschüssen für Chirotherapie und Sportmedizin. Die Kammer sah jedoch keine Notwendigkeit zu handeln. Mit der juristischen Bestrafung sei auch die vorliegende Verletzung seiner berufsrechtlichen Pflichten in vollem Umfang abgegolten. Eine "Doppelbestrafung" dürfe es nicht geben. Krocker behielt seine Sitze in beiden Prüfgremien der Landesärztekammer. Erst vor wenigen Monaten schied der inzwischen 64-Jährige dort aus.

Der Leistungssport der DDR stand auch im früheren Bezirk Cottbus im besonderen Fokus der Staatssicherheit. Einerseits wollte der DDR-Geheimdienst Sportler unter Kontrolle halten, die zu Wettkämpfen in den Westen fuhren. Eine Flucht von "Diplomaten im Trainingsanzug" sollte unbedingt verhindert werden. Andererseits sollte nichts über den systematischen Einsatz "unterstützender Mittel" (UM) bekannt werden, wie die gefährlichen Dopingpillen in der DDR verharmlosend bezeichnet wurden.

Angaben zur Dopingpraxis in Cottbus finden sich in Berichten des für Sport zuständigen Referates 3 der Abteilung XX der Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus. Verantwortlicher Arzt für alle Probleme im Zusammenhang mit den "UM" war danach Ende der 70er-Jahre Bodo Krocker. Bei ihm lag zu jedem Olympia-Kader ein sportmedizinischer Teil des "Individuellen Trainingsplans", in dem auch die "UM" verzeichnet waren. Die verantwortlichen Sektionsärzte waren in die Dopingpläne eingeweiht. Von den Ärzten kamen die gefährlichen Pillen über die Trainer zu den Sportlern.

Abschirmung durch Stasi

Für die Geheimhaltung der Dopingpraxis sorgte vor allem auch der DDR-Geheimdienst. Laut Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus waren 1982 im Sportclub und der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Cottbus insgesamt 44 Spitzel im Einsatz: Neun aktive Sportler, 17 Trainer, Lehrer und Erzieher, 13 Sportfunktionäre und fünf Mitarbeiter der Sportmedizin. Fast die Hälfte der heimlichen Zuträger waren "Reisekader", also Sportler, Trainer, Ärzte und Funktionäre, die zu Wettkämpfen in den Westen fahren durften.

Einer davon war Bodo Krocker. Als Mannschaftsarzt der DDR-Leichtathleten war er viel unterwegs. Die Liste seiner Westdienstreisen ist lang. Seine Erfassung 1977 als IM "Wartburg" belegen Klar- und Decknamenkartei sowie die Auskunft Bespitzelter, in deren Opferakte "Wartburg" auftaucht. In Berichten von "Wartburg" ging es nicht nur um Sport, sondern auch um persönliche Einschätzungen und private Kontakte anderer Personen.

Die Landesärztekammer hatte von der IM-Verstrickung Krockers erst vor wenigen Wochen durch den Bericht im Nachrichtenmagazin "Spiegel" erfahren. Zurzeit bemüht sich die Kammer nach Auskunft ihres Justiziars, Beweismaterial dafür zu bekommen. Erst dann sei eine Prüfung berufsrechtlicher Konsequenzen möglich.

Eine Spurensuche bei ehemaligen Bespitzelten aus der Lausitzer Sportszene stößt auf viel Zurückhaltung. Manche wollen nicht mehr eintauchen in die Akten, die heimlich über sie geführt wurden, weil dann "alles wieder hochkommt". Andere fürchten noch immer persönliche Angriffe, wenn sie offen darüber reden.

Keine offizielle Verbindung

In Cottbus trainieren auch heute noch junge Leistungssportler. Zu Bodo Krocker hat der Olympiastützpunkt Cottbus nach Auskunft von Leiter Lothar Heine keine offizielle Verbindung. Ob einzelne Nachwuchssportler in seine Sprechstunde gingen, sei deren Privatsache.

Dass Doping- und Stasiverstrickungen wie die von Bodo Krocker so spät bekannt werden, wundert Professor Giselher Spitzer nicht. An der Humboldt-Universität in Berlin forscht er seit Jahren zu diesem Thema. Für die DDR sei Doping nur in Umrissen erforscht. Das Geschehen in den Sportclubs der Bezirke liege noch weitgehend im Dunkeln. "Bis heute ist beispielsweise nicht bekannt, wie viele Strafbefehle in Zusammenhang mit der Vergabe von Dopingmitteln in der DDR insgesamt überhaupt erlassen wurden." Diese fehlende Aufklärung sei ein großer Mangel, so Spitzer. "Jeder neue Einzelfall der zufällig ans Licht kommt, ist eine Belastung für den Sport."