Eines ist das Cottbuser Geoflow-Team in der ganzen Aufregung um das Weltraum-Experiment Geoflow inzwischen gewohnt: warten. Denn nicht nur der Flug des Shuttles "Discovery" zur ISS am 16. März ist mindestens fünfmal verschoben worden. Schon der Hinflug des Shuttles "Atlantis" mit dem nagelneuen europäischen Raumlabor Columbus und Geoflow an Bord hatte sich Jahre hingezogen. Auch auf den Beginn des Experiments, als es im Februar 2008 endlich im All gelandet war, mussten die Cottbuser Wissenschaftler fünf Monate warten. Doch seitdem Astronaut Gregory Chamitoff am 28. Juli Geoflow als allererstes Experiment in das Fluid-Science-Labor in Columbus eingebaut und auf den Startknopf gedrückt hatte, lief alles wie geschmiert. Das Glaskugel-Modell - eine Mini-Erde, die in einen Schuhkarton passt - funktionierte in der Schwerelosigkeit bestens. Mit simplem Industrieöl haben die Cottbuser die Strömungen im flüssigen Erdkern nachgebildet und damit Grundlagenforschung betrieben, die so auf der Erde nicht möglich ist. Das Öl war zwischen eine heiße Kugel (den festen Erdkern) und eine kalte Kugelschale (den Erdmantel) gefüllt worden. Durch Rotation der Kugeln, die Temperaturunterschiede und ein angelegtes Kraftfeld wurde das Öl in Bewegung versetzt. Ein Laserstrahl bildete die Strömungen ab, eine Kamera fotografierte die Strömungsmuster und sendete sie von der ISS direkt an die Cottbuser Universität. Hier wurden sie mit Spannung erwartet. Das siebenköpfige Team um Prof. Christoph Egbers vom Lehrstuhl Aerodynamik und Strömungslehre hat dazu an der BTU extra eine Bodenstation eingerichtet und die Speicherkapazität der Hochschule ordentlich erweitert. "Insgesamt haben wir 200 Gigabyte Daten aus dem All bekommen", resümiert Andreas Stöckert, der "Datenbeauftragte" des Teams. Zehn Wochen lang - denn nicht immer in den neun Monaten seit Juli 2008 war Geoflow auch "angeschaltet" - sendete die Mini-Erde Bilder und andere Daten von der ISS, 18 Stunden pro Tag. Die Cottbuser Wissenschaftler arbeiteten im Schichtsystem, auch über die Weihnachtsfeiertage. Nun sind alle Daten angekommen und werden derzeit mit Hochdruck ausgewertet. "Das bedeutet, wir müssen die Bilder mit den Telemetriedaten wie Temperatur oder Rotationsgeschwindigkeit verheiraten", sagt Christoph Egbers schmunzelnd. "Das ist aufwendiger als gedacht, da alle Daten unabhängig voneinander gesendet wurden." Die Bilder kamen gar nur in Ausschnitten an. "Denn die Kamera konnte immer nur einen Teil der Kugel fotografieren", sagt Sandy Koch, die für die Bildauswertung zuständig ist. "Deshalb müssen wir sie jetzt zusammensetzen." Und tatsächlich: Auf dem Bildschirm erscheint ein Kreis mit fußballähnlichem schwarz-weißem Muster, der aussieht, als wäre er kuchengleich aus sechs Stückchen zusammengesetzt. Mit strahlenden Augen betrachtet das Team die Bilder, lobt die wunderschöne Symmetrie. "Solche polygonen Muster hatten wir auch erwartet, so ähnlich könnte es im Erdkern aussehen", erklärt Prof. Egbers. "In der Mitte ist der Pol, am Rand der Äquator. Je höher die Temperatur war, umso ‚wilder' war auch das Streifenmuster." Und was bedeutet das nun praktisch? Diese Frage hören die Wissenschaftler öfter und können sie doch nicht so einfach beantworten. "Bis jetzt gab es von der Funktionsweise im Erdinneren immer nur Modelle. Nun haben wir durch Geoflow praktische Daten, mit denen die Modelle verglichen und auch verändert werden können." Beispielsweise Geophysiker des Instituts für Planetenphysik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Berlin oder der Universität Münster seien an den Daten interessiert. "Vielleicht finden wir durch unsere Daten auch noch eine Erklärung für die Umpolung des Erdmagnetfeldes, die etwa alle 10 000 Jahre stattfindet", so Egbers.Ein Teil des Teams arbeitet allerdings schon wieder am Nachfolge-Experiment Geoflow II. Denn da die Europäische Raumfahrtorganisation Esa so zufrieden mit dem Ablauf von Geoflow gewesen sei, habe sie einem Wiederflug im Frühjahr 2010 zugestimmt, so Christoph Egbers. "Das wäre schon ein Privileg für uns und die BTU", sagt der Professor. "Denn die Konkurrenz von anderen Experimenten, die ins All wollen, ist groß." Zudem sind die Tage der US-Shuttles gezählt, nur noch etwa sechs Shuttle-Missionen soll es bis 2010 geben, dann werden die Raumfähren, die als zu sensibel, zu wartungsaktiv und zu teuer gelten, verschrottet. "Geoflow ist aber für Shuttles qualifiziert, auf einer russischen Rakete herrschen ganz andere Belastungen und Beschleunigungen", so Egbers. Deshalb geht jetzt alles schneller als gedacht: Geoflow I kommt bereits jetzt und nicht wie ursprünglich geplant erst im Herbst 2009 zur Erde. Dann bleibt das Experiment zwei Monate aus Sicherheitsgründen in den USA bei der Nasa. "Erst dann wird es dem deutschen Team übergeben und wird in Friedrichshafen beim Raumfahrtkonzern EADS, wo es auch hergestellt wurde, umgebaut." Denn das gleiche Kugelschalmodell soll nun - mit kleinen technischen Veränderungen - die Strömungsvorgänge im festen Erdmantel nachbilden. "Dort herrscht wegen des festen Materials eine feinere Strömungsstruktur, Magma und Vulkanismus spielen hier eine Rolle", erklärt Egbers. Er hofft, dass Ende dieses Jahres die Mini-Erde einsatzbereit für den erneuten Flug ins All ist. Und Cottbus und die BTU wieder zu den Sternen und in die internationale Aufmerksamkeit trägt.