Wer in den vergangenen Wochen die Augenarztpraxis von Karin F. (Name geändert) aufsuchte, bekam eine zweiseitige Patienteninformation in die Hand, die gravierende Änderungen verkündete. Ab Januar werde sie nur noch in ihrer "neuen medizinischen Einrichtung" in Berlin-Mitte operieren, teilt die Ärztin ihren Patienten darin mit.

Nur zwischen den Zeilen ist zu erkennen, was Karin F. auf Nachfrage bestätigt. Sie gibt zum Jahresende ihren Kassensitz in Cottbus auf und übernimmt eine Augenarztpraxis in Berlin.

Ihren Cottbuser Kassenpatienten macht sie deshalb in der Patienteninfo ein Angebot. Wer sich weiter von ihr behandeln und operieren lassen will, auch auf Chipkarte, kann dafür einen kostenlosen Shuttlebus nach Berlin nutzen. Untersuchungen in Cottbus gibt es ab Januar bei ihr aber nur noch gegen Bezahlung. 36 Euro und zehn Cent sind dann pro Untersuchung für eine "augenärztliche Grundversorgung" fällig.

Heinz R. (Name geändert) wird sich deshalb einen anderen Augenarzt suchen müssen. "Die 36 Euro im Quartal kann ich mir nicht leisten", sagt der Rentner, der bereits an den Augen operiert ist. Doch seine Angst ist groß, dass die Suche nach einem anderen Augenarzt schwierig werden könnte.

Denn Augenarzttermine in Cottbus sind schwer zu bekommen. Viele Patienten aus dem Umland und anderen Städten, wo es keinen Augenarzt mehr gibt, kommen hierher. In der Lausitz wird der Wechsel von Karin F. nach Berlin die Situation weiter verschärfen, denn ihr Cottbuser Kassensitz wird ersatzlos gestrichen. Das bestätigt Christian Wehry, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg.

Grund dafür ist eine statistische "Überversorgung". Bisher hat Cottbus elf niedergelassene Augenärzte, nach den Berechnungen der KV ein statistischer Versorgungsgrad von 140 Prozent. Wenn in so einem Gebiet ein Arzt seine Kassenzulassung zurückgibt, ohne einen Nachfolger zu haben, wird der Sitz gestrichen. Genau das sei hier passiert. "Da sind uns die Hände gebunden", sagt KV-Sprecher Wehry. "Wir bedauern den Verlust jeden Kassensitzes," versichert er.

Doch Karin F. will ihre Cottbuser Praxisräume ohnehin auch ohne Kassenzulassung weiter nutzen. Dass Cottbus damit einen augenärztlichen Sitz verliert, sei nicht ihre Verantwortung.

Zu Beginn ihrer Arbeit in Cottbus habe sie pro Quartal bis zu 30 000 Patienten behandelt, sagt Karin F. Jetzt seien es nur noch etwa 10 000 gewesen, da sie nicht mehr so oft in Cottbus war.

Ende Mai hatte es in der Cottbuser Augenklinik der Medizinerin einen Wasserschaden und danach Schimmelbefall gegeben. Ende Juli kehrte sie aus einem Ausweichquartier in ihre Räume zurück. Ihr Anwalt erklärte damals, dass eine gesundheitliche Gefährdung der Patienten nun ausgeschlossen sei.

Jetzt bestätigt er auf Nachfrage, dass seine Mandantin die KV im selben Monat verständigt habe, dass sie ihren Kassensitz nach Berlin verlegen will. Mit dem Wasserschaden und den daraus resultierenden Problemen begründet Karin F. jetzt gegenüber der RUNDSCHAU ihren Wegzug. Die Cottbuser OP-Räume seien nicht mehr nutzbar.

Vier Monate lang hatte die KV ihr wegen des Wasserschadens eine Sondergenehmigung erteilt, ihre Kassenpatienten in Berlin operieren zu dürfen. "Ausgelagerte Praxisräume dürfen nur so weit entfernt sein, dass sie in 30 Minuten zu erreichen sind", sagt KV-Sprecher Wehry. Das sei gesetzlich geregelt. "In den vier Monaten der Ausnahmegenehmigung hätte sich die Augenärztin andere Räume in Cottbus suchen können", begründet er deren Beendigung.

Mit der Verlagerung ihrer kassenärztlichen Tätigkeit nach Berlin erspart sich Karin F. womöglich weiteren Ärger. Denn bei einer Krankenkasse hatten sich mehrere Patienten über sie beschwert. Es ging dabei um das Angebot von teuren Sonderlinsen für Augenoperationen, die von Kassen nicht bezahlt werden und um "Vitaminpräparate".

Die Patienten fühlten sich bei der Entscheidung für die teure Privatleistung über mehrere Tausend Euro zeitlich unter Druck gesetzt und nicht gut beraten. Die zusätzlichen Präparate für bis zu 100 Euro seien ihnen regelrecht "aufgenötigt" worden. Karin F. weist solche Vorwürfe entschieden zurück: "Die Patienten werden bei uns richtig informiert." Und die angeblichen "Vitaminpräparate" seien Mikronährstoffe, die bei manchen Erkrankungen notwendig seien.

Beim Verband der Ersatzkassen Berlin/Brandenburg (VdEK) hat man die Patientenbeschwerden ernst genommen. "Sofern die Vorwürfe zutreffen, ist das Verhalten der Ärztin aus unserer Sicht nicht nur moralisch verwerflich, sondern verstößt klar gegen ihre vertragsärztlichen Pflichten", sagt VdEK-Sprecherin Dorothee Binder-Pinkepank.

Patienten müssten beim Angebot von Privatleistungen genug Zeit zum Überdenken und für Rücksprachen mit ihrer Krankenkasse haben. Medizinische Unwissenheit und Verunsicherung dürften nicht ausgenutzt werden. Die KV Brandenburg müsste hier ihrer Verantwortung nachkommen und den Vorgang prüfen. Doch die ist ab ersten Januar für Karin F. nicht mehr zuständig.

Zum Thema:
Im Frühjahr 2014 sorgte der Fall einer anderen Cottbuser Augenärztin für Schlagzeilen. Weil ihre Sprechstunde für Kassenpatienten völlig überlastet war und sie dort keine Termine mehr vergeben konnte, hatte sie gesetzlich Versicherten angeboten, gegen Bezahlung in ihre Privatsprechstunde zu kommen.Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg wertete das als Verstoß gegen ihre Pflichten als Vertragsärztin und verhängte in einem Disziplinarverfahren gegen sie eine Geldbuße. Das Angebot sei eine Beeinflussung der Kassenpatienten gewesen, denen eine Behandlung auf Chipkarte zustehe. sim