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Cottbuser BTU auf Schwimmtour in Vietnam

Schwimmende Häuser in der Halong Bay in Vietnam. Die BTU gehört mit zu den Partnern eines Bundes-Projektes, das eine künftige Siedlungsstruktur auf dem Wasser erforscht.
Schwimmende Häuser in der Halong Bay in Vietnam. Die BTU gehört mit zu den Partnern eines Bundes-Projektes, das eine künftige Siedlungsstruktur auf dem Wasser erforscht. FOTO: btu
Cottbus. Wissenschaftler der Lausitzer Uni haben jetzt ein Projekt für schwimmende Bauten an der Insel Cat Ba eingereicht und hoffen auf Zuschlag. Christian Taubert

Für den Cottbuser BTU-Professor Horst Stopp hat es nie einen Zweifel gegeben: Wenn schwimmende Bauten für Deutschland ein Exportschlager werden sollen, "dann kann diese Aufgabe nur interdisziplinär geschultert werden". Seit Jahren wird der inzwischen 80-Jährige vom Fachgebiet Bauphysik und Gebäudetechnik nicht müde, diese Forderung zu erneuern. Als das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft die internationale Marketing-Kampagne "Zukunftsstädte" auslobte, waren Stopp und der Leiter des Instituts für Schwimmende Bauten der BTU, Dr. Peter Strangfeld, dabei. Mit dem geförderten Projekt "Schwimmtour" gehören sie zur Dachkampagne von zehn Smart-City-Netzwerken, die weltweit präsentiert werden.

Dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter der BTU Anna Malakhova und Sascha Völker dabei in Vietnam beinahe ein Heimspiel haben, ist auch mit der Vietnamesin Thu Trang Nguyen verbunden. Sie hat vor drei Jahren auf dem Sachsendorfer BTU-Campus an die Tür von Horst Stopp geklopft, um hier im Studium möglichst alles über schwimmende Bauten zu erfahren. Inzwischen ist sie Doktorandin und promoviert zum Thema "Schwimmende Architektur in Südostasien".

Für die "Schwimmtour" der Cottbuser Wissenschaftler ist das ein Segen. Denn die Doktorandin, sagt Stopp, kenne die Gegebenheiten vor Ort, weiß mit Behörden umzugehen oder stellt wichtige Kontakte her. Jetzt haben die Lausitzer ein Projekt in Vietnam eingereicht, das schwimmende Häuser und Siedlungen beschreibt, deren Bewohner sich autark mit Wasser und Energie versorgen und ihre Abwässer selbst klären. "Es geht um bezahlbare Siedlungsstrukturen auf dem Wasser", betont Prof. Stopp. Der Prototyp einer solchen Siedlung könnte in Cat Ba entstehen - an der größten Insel der bei Touristen bekannten und beliebten Halong Bucht, die etwa vier bis fünf Busstunden von Hanoi entfernt liegt. Ein Vertrag zur internationalen Forschungskooperation zwischen der Hanoi Architectural University und der BTU steht unterdessen kurz vor dem Abschluss.

In Vietnam erobern sich die Menschen mit schwimmenden Häusern seit Generationen Wohnraum auf dem Wasser. Doch der Regierung sind vor allem die hygienischen Zustände immer mehr ein Dorn im Auge. So bieten die bei vielen Touristen bekannten schwimmenden Märkte längst nur unzureichende Hygienestandards und verschmutzen die Gewässer. Statt den wirtschaftlich wichtigen Tourismus und den Fischfang zu gefährden, drängt die Regierung auf eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Eine Lösung könnten die schwimmenden smarten Häuser sein, die Forscher des Netzwerks "Schwimmtour" auch im Lausitzer Seenland entwickeln und testen. "Wir werden keine kompletten Häuser exportieren, aber Technologien", erklärt Horst Stopp. Jene künftigen Lösungen sollen ihren Bewohnern eine einfache, aber hocheffektive Ausstattung bieten. Abwasser soll zu 99 Prozent geklärt werden. Sauberes Trinkwasser kommt aus aufbereitetem, gefiltertem Regenwasser. Energie wird von Windrädern und Sonnenkollektoren erzeugt. Der eigene Strom soll für Licht, Kühlschrank, Herd und Handy ausreichen. Zudem treibt er einen Unterwasser-Wärmeaustauscher an, der den Innenraum mit Fluss- oder Seewasser wahlweise kühlt oder heizt.

Nachhaltige Technologien made in Germany für traditionelle Konzepte der schwimmenden Häuser und Märkte in Vietnam - damit könnte kostbarer und bezahlbarer Siedlungsraum gewonnen werden. Vor dem Hintergrund des klimatisch bedingten ansteigenden Meeresspiegels, aber auch des Bevölkerungswachstums erscheint das ein verlockendes Konzept für die Zukunft. So soll der Flutsaum des Südchinesischen Meeres unaufhaltsam an der mehr als 3000 Kilometer langen Küste steigen und in Zukunft weite Landstriche unbewohnbar machen. Und das bei der Prognose, dass in den nächsten 30 Jahren rund fünf Millionen mehr Vietnamesen einen Platz zum Leben benötigen als heute.

Die Experten des Netzwerkes "Schwimmtour" erhoffen sich aus der Kooperation mit ihren wissenschaftlichen Partnern aus Hanoi Austausch und neue wissenschaftliche Erkenntnisse. So über schwimmende Bauten, die in Vietnam mit Bambus anstelle von Stahlbeton oder Kunststoff gefertigt werden. Und was die interdisziplinäre Bewältigung des Themas betrifft: Horst Stopp verweist auf die jüngste der ungezählten Anfragen zu schwimmenden Bauten. Diesmal kam sie von der TU Dresden. "Die Wissenschaftler wollen bei uns ein Pontonmodell testen", sagt Stopp. In Cottbus gibt es dafür jene breite wasserbauliche Versuchsrinne, mit der Einflüsse wie Wellenbewegungen simuliert werden können. "Zudem", betont Stopp, "wir sind einer von zehn Partnern, die dieses Thema für den Standort Deutschland voranbringen wollen."

Zum Thema:
Für Vietnam mit mehr als 3000 Kilometern Küste bedeutet der mit dem Klimawandel verbundene Anstieg der Meeresspiegel eine akute und existenzielle Frage. Sie gilt es aus Sicht der Wissenschaft zeitnah zu bearbeiten. In die sich daraus ableitenden Aufgabenstellungen ist das Institut für Schwimmende Bauten der BTU Cottbus-Senftenberg über die aktuelle Zukunftskampagne des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in Südostasien eingebunden. Mit gezielten Marketingaktivitäten werden Stärken des Forschungs- und Innovationsstandortes Deutschland im Ausland präsentiert. Schwerpunktländer der Kampagne sind China, Indien, Vietnam, Kolumbien und die USA. Das BTU-Projekt "Schwimmtour" ist Bestandteil eines der insgesamt zehn geförderten Forschungs-Netzwerke.