„Ich zweifle ein bisschen an, dass wir in so kurzer Zeit so viel besser geworden sein sollen.“
 Holger Kelch,
Bürgermeister in Cottbus


Von 100 Einwohnern sind in Cottbus 65 erwerbstätig, fast jeder fünfte Cottbuser ist zwischen 18 und 30 Jahre alt. Vor allem mit diesen beiden statistischen Werten konnte Cottbus punkten, sagt "Handelsblatt"-Redakteur Olaf Storbeck. 162 Plätze machte die 102 000 Einwohner zählende Stadt gegenüber der ersten Prognos-Studie 2004 gut und rangiert jetzt auf Platz 184. Damit gehört Cottbus zu den zehn Aufsteigern der Wertung, neben Potsdam und Brandenburg (Havel). Ebenfalls einen großen Satz nach vorn gemacht hat der Landkreis Dahme-Spreewald (LDS) - um 76 Plätze auf Rang 271. Hoyerswerda und der Landkreis Niederschlesische Oberlausitz konnten gegenüber 2004 leicht um neun beziehungsweise zwölf Plätze zulegen, verbleiben aber im unteren Viertel.
Zu den Verlierern in der Lausitz gehören die Landkreise Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße (SPN). Der SPN-Kreis verlor 15 Plätze und ist jetzt Schlusslicht. „Wir nehmen das sehr ernst, weil es nicht lustig ist, auf dem letzten Platz zu liegen“ , so Landrat Dieter Friese (SPD).
Allerdings seien Friese die Kriterien nicht ganz einsichtig. Offensichtlich sei der Hauptindustriezweig im Landkreis, die Braunkohlegewinnung und -verstromung, nicht als zukunftsträchtig eingeschätzt worden. Vattenfall, das größte Unternehmen Ostdeutschlands, habe eine Niederlassung, Guben sei erst kürzlich als wirtschaftsfreundlichste Stadt Brandenburgs gekürt worden - auch das, so Friese, sei unberücksichtigt geblieben. Und was der Landkreis an weichen Faktoren - im sozialen, schulischen und gesundheitlichen Bereich - geschaffen habe, könne sich durchaus sehen lassen.
Olaf Storbeck vom „Handelsblatt“ begründet das schlechte Abschneiden des SPN-Kreises mit der sinkenden Arbeitsplatzdichte. Von 100 Einwohnern seien nur 33 erwerbstätig. Wie Cottbus verliere auch der SPN-Kreis massiv Einwohner. Doch viel stärker als die kreisfreie Stadt auch viele junge Menschen.

Erfolg für Dahme-Spreewald
„Happy“ zeigt sich Martin Wille, SPD-Landrat im Dahme-Spreewald-Kreis: „Vor vier Jahren waren wir noch ein bisschen enttäuscht. Das ist jetzt ein großer Erfolg für uns.“ Wille führt eine Reihe von Gründen an: das Arbeitsplatzangebot am Flughafen Schönefeld und bei Tropical Islands, die gute Verkehrsanbindung des Landkreises, die Zusammenarbeit der Technischen Fachhochschule in Wildau mit Unternehmen in der Region. Der Landkreis selbst habe mit einer soliden Haushaltspolitik und Erfolgen bei der Vermittlung von über 50-Jährigen seinen Teil beigetragen.
Weniger euphorisch ist der Cottbuser Bürgermeister Holger Kelch (CDU). „Ich zweifle ein bisschen an, dass wir in so kurzer Zeit so viel besser geworden sein sollen.“ Neue Erwerbsmöglichkeiten hätten in erster Linie Call-Center angeboten. Dass die Beschäftigten dort im Niedriglohn-Sektor arbeiten, sei aber auch klar, so Kelch. Die rund 48 000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze habe es in Cottbus auch vor vier Jahren schon gegeben. Industriearbeitsplätze indes vermisse die Stadt nach wie vor schmerzlich. Man müsste sich, so Kelch weiter, mit den 29 Kriterien, die „Prognos“ angesetzt hat, intensiver befassen, um das Ergebnis richtig einzuschätzen. „Trotzdem nehmen wir es erstmal als Ansporn, zu den größten Gewinnern gezählt zu werden.“
Der Aufbau Ost kommt laut Prognos zumindest in einzelnen Regionen deutlich voran: Dresden, Potsdam und Jena gehören zu den wettbewerbsfähigsten Standorten der Republik. Auch die größten Aufsteiger der vergangenen Jahre kommen aus den neuen Ländern.
Allerdings kristallisiere sich in ganz Ostdeutschland eine Zweiklassengesellschaft heraus, zitiert das Handelsblatt Peter Kaiser von „Prognos“ . Sachsen und Brandenburg machen da keine Ausnahme. Potsdam (15) und Dresden (13) belegen Spitzenplätze. Hoyerswerda, die Elbe-Elster-Region und der Spree-Neiße-Kreis landen ganz hinten.

Drei Ost-Städte unter den Top 20
Gegenüber der ersten Prognos-Studie im Jahr 2004 haben sich zehn von 18 Brandenburger Kreisen und Städten im innerdeutschen Wettbewerb nach oben gearbeitet. Gewinner sind neben Potsdam - die Brandenburger Landeshauptstadt lag vor drei Jahren noch auf Platz 146 - die Städte Cottbus und Brandenburg an der Havel. Beide gehören sogar zu den Top-10 der Aufsteiger in Deutschland. Cottbus verbesserte sich um 162 Plätze auf Platz 184. Weitere Aufsteiger in den neuen Ländern sind der Untersuchung zufolge Greifswald, Leipzig, Magdeburg, Eisenach und Halle. Dresden und Jena behaupteten sich vorn und schafften mit Potsdam den Sprung in die gesamtdeutschen Top 20.
Und die Stadt Brandenburg an der Havel, die seit Längerem mit Firmen-Ansiedlungen von sich reden macht, verbesserte sich um 133 Plätze auf Rang 247.
Das Abschneiden Brandenburgs bewertet Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) so: „Das Land ist in Bewegung - die Richtung stimmt.“ Platzeck sieht den Kurs seiner Regierung bestätigt, die unter dem Motto "Stärken stärken" auf die Förderung von Wachstumsregionen und -branchen setzt. Ähnlich äußerte sich auch Vizeregierungschef und Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU). "Potsdam mischt ganz vorn mit. Die Dynamik wächst auch in der Breite im Land. Trotzdem, die negativen Ausschläge sind noch zu groß."

Nord-Süd-Gefälle noch stärker
Nur auf Platz 245 (17 Plätze besser als 2004) schaffte es Berlin. Die Stadt ist im Vergleich zu anderen Metropolenregionen abgeschlagen.
Deutschlandweit gesehen hat sich - im Vergleich der Studien - das Nord-Süd-Gefälle seit 2004 noch weiter verstärkt. Städte und Landkreise in Bayern, interpretiert das „Handelsblatt“ das Ergebnis, ließen den Rest der Republik zunehmend hinter sich. Stadt und Landkreis München verteidigen die Spitzenposition.
Der Abstand zwischen Gewinner- und Verlierer-Regionen nehme weiter zu, so das „Handelsblatt“ . Dabei blieben ländliche, strukturschwache Landstriche wie in Mecklenburg-Vorpommern die Sorgenkinder. Perspektivisch geht „Prognos“ von einer weiteren regionalen Ausdifferenzierung aus.

hintergrund 29 Kriterien für die Zukunftsperspektiven
 Zum zweiten Mal nach 2004 hat die Schweizer Beratungsgesellschaft „Prognos“ für das „Handelsblatt“ die Zukunftsperspektiven aller 439 kreisfreien Städte und Landkreise Deutschlands untersucht. Für den Teilindex „Stärke“ waren die Indikatoren Kaufkraft, Arbeitslosenquote, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Investitionsquote in der Industrie und die Zahl der angemeldeten Patente maßgeblich. Beim Teilindex „Dynamik“ kam es auf Indikatoren wie Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum oder Veränderung der Arbeitsplatzdichte an.
Insgesamt stellte „Prognos“ den Regionen ein etwas besseres Zeugnis aus als vor drei Jahren. 138 Städte und Landkreise haben mehr oder weniger große Zukunftschancen. 2004 waren es nur 109. Einen ausgewogenen Chancen-Risiko-Mix sieht das Institut jetzt in 203 statt in 210 Regionen.