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Cottbus spielt in der ersten Liga und die Lausitz geht ihren eigenen Weg

Heide Schinowsky hat jede Menge Visionen für die Lausitz.
Heide Schinowsky hat jede Menge Visionen für die Lausitz. FOTO: privat
Gastbeitrag. Wie sieht die Lausitz aus, wenn wir 15 Jahre älter sind? Mit einer Serie von Gastbeiträgen wird sich die LAUSITZER RUNDSCHAU mit diesem brisanten Zukunftsthema beschäftigen. Antworten sind bitter nötig. Heute mit einem Gastbeitrag der Grünen-Politikerin Heide Schinowsky. Heide Schinowsky

Mia und Luca zählen derzeit zu den beliebtesten Namen für Neugeborene. 2030 sind die Lausitzer Mias und Lucas Jugendliche. Wie wird ihr Leben dann aussehen?

Vielleicht ist Mia 2030 Gymnasiastin in Cottbus und der Spremberger Luca Azubi im Maschinenbau. Es ist Freitag: Mia ist mit Freundin Hannah im Stadion verabredet - Cottbus spielt gegen Bayern. Luca will samstagabends ins Glad-House gehen. Das Kulturzentrum feiert 40-Jähriges.

Natürlich weiß ich nicht, was Mia und Luca 2030 tun werden, genauso wenig wie man heute mit Sicherheit sagen kann, wie die Lausitz sich bis dahin entwickelt. Aber es gibt reichlich Anhaltspunkte, zum Beispiel . von Ökonomen und Demografen, die eine Prognose erlauben. Eines steht zudem fest: Die Zukunft der Lausitz muss aktiv angepackt werden. Je früher wir Politiker uns gemeinsam mit der Wirtschaft und weiteren Akteuren daran machen, tragfähige Konzepte zu erstellen, sie mit Leben zu füllen und Vorsorge für einen sozial abgefederten Strukturwandel zu treffen, desto besser.

Mein Bild von der Lausitz im Jahr 2030 ist das einer Region, die sich von der einseitigen Ausrichtung auf eine Branche gelöst und ihren eigenen Weg gefunden hat. Eines industriell geprägten Wirtschaftsraums, der seit der Wende viel Erfahrung mit Veränderungen gesammelt hat und deren Bewohnerinnen und Bewohner gewohnt sind, sich auf Neues einzustellen und hart für den Erfolg zu arbeiten.

Wir schreiben also 2030: Seit Bundes- und Landesregierung mit dem Klimaschutz ernst machen und klar ist, dass keine neuen Tagebaue aufgeschlossen werden, ist das Ende des Kohleabbaus nah. Glücklicherweise hat die Landesregierung die Gestaltung des Strukturwandels längst zu ihrer Kernaufgabe gemacht. In der Industrie, im Tourismus und anderen Dienstleistungsbereichen entstehen neue Arbeitsplätze, die wegfallende Jobs kompensieren. Auch Umschulungen und Weiterbildungen spielen weiter eine wichtige Rolle.

Die Entscheidung der Landesregierung von 2019, die Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) mit der Steuerung des Strukturwandels zu betrauen und dafür deren Lausitzer Filiale deutlich auszubauen, erweist sich 2030 als goldrichtig. Der ZAB gelingt es so erfolgreich, auch neue kleine und mittlere Unternehmen anzusiedeln und die Stimmung in der Region insgesamt positiv zu beeinflussen.

Bei BASF in Schwarzheide hat sich bis 2030 ein weiterer Chemiebetrieb angesiedelt, der Kunststoffe aus Biomasse produziert; Vestas in Lauchhammer hat Konkurrenz durch einen französischen Windanlagenbauer bekommen. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg spielt eine Schlüsselrolle - gut, dass ihr Etat deutlich aufgestockt wurde. Ausgründungen der Fakultät für Umweltwissenschaften und Verfahrenstechnik fanden mehrere Nachahmer. Eine Senftenberger Firma verkauft europaweit Regelungstechnik für die dezentrale Energieversorgung. Die für die Braunkohlesanierung zuständige LMBV bleibt ein wichtiger Arbeitgeber.

Durch den Geburtenknick und weil immer mehr Menschen in Rente gehen, hat sich die Zahl der Erwerbstätigen verkleinert. Doch haben Landespolitik und regionale Akteure die Ratschläge der Wissenschaft ernst genommen und Antworten auf die mit der demografischen Entwicklung einhergehenden Probleme gefunden.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wurden die Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote an der BTU massiv ausgebaut. Der Anteil von ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern steigt dort seit Jahren. In den Gewerbegebieten finden sich neben deutschen Firmen vermehrt solche ausländischer Absolventinnen und Absolventen der Universität.

Viele Chefs kleiner und mittlerer Unternehmen, die 2030 aus Altersgründen dringend einen Nachfolger suchen, profitieren von der Lausitzer Unternehmensbörse. Berufsrückkehrer-Kampagnen für Lausitzer, die des Jobs wegen wegziehen mussten, laufen erfolgreich. Viele arbeiten zudem in Homeoffice für große Firmen, deren Zentralen in Berlin, Leipzig oder Hannover liegen.

Alt- und Neu-Lausitzer schätzen das gute Freizeitangebot wie das Lausitzer Seenland und das wachsende Radwegenetz, das größere Ballungsräume oft nicht zu bieten haben. Bauland für Eigenheime ist 2030 weiter günstig. Seitdem der Umbau des Cottbuser Bahnhofs abgeschlossen worden ist und im Stundentakt Fernzüge fahren, sind Dresden, Leipzig, Berlin und Breslau schneller erreichbar.

Wie geht´s mit Mia und Luca weiter? Mia belegt ein Auslandssemester, Luca geht auf Weltreise - beide kehren in ihre Heimat zurück. Fachkräfte sind gefragt und so finden sie gleich Arbeit. Ihre Eltern und Großeltern erzählen bei Festen öfters von der "Wende", die für Mia und Luca ein Stück Geschichte ist. Und eine weitere Frage bleibt Gesprächsstoff: Wie die Zukunft der Lausitz wohl aussehen wird, zum Beispiel im Jahr 2060.

Zum Thema:
Heide Schinowsky, geboren 1975 in Ludwigsfelde, ist energie- und wirtschaftspolitische Sprecherin der Brandenburger Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Ihre Familie stammt väterlicherseits aus Forst.