Kaum jemand in Washington widersprach Anfang 2006 der politischen Intervention der First Lady. Heute, fast zwei Jahre später, redet keiner mehr von einer Kandidatur der Außenministerin. Rice ist in den Abwärtssog ihres Förderers George W. Bush geraten. Ihrer Außenpolitik fehlen vorzeigbare Erfolge, was mit Beginn ihrer schwierigen Nahost-Reise gestern in Israel erneut ins Gedächtnis gerufen wird. Ihr Biograf Glenn Kessler urteilt: Rice ist gescheitert - vor allem am Fiasko im Irak.
Für die "Washington Post" begleitet Kessler die Ministerin seit Jahren auf Schritt und Tritt. Der Grundgedanke seiner in diesem Monat erschienenen Rice-Biographie: Im Irak und im Iran, in Nahost und Nordkorea liest Rice als Ministerin nur die Scherben auf, zu deren Entstehung sie in Bushs kriegerischer erster Amtszeit (2001-2005) als Nationale Sicherheitsberaterin beigetragen hat. "Sie war einer der schwächsten Sicherheitsberater in der Geschichte der USA", urteilt Kessler. "Ihre Unerfahrenheit und ihre Fehler in diesem Amt haben die Welt geprägt und jene Probleme geschaffen, die sie nun als Außenministerin lösen muss."

Vertraute des Präsidenten
Rice verfügt wie kaum ein anderer in Washington über Zugang zum Präsidenten. Vor seinem ersten Wahlsieg im Jahr 2000 hatte Bush die Professorin als außenpolitische Beraterin angeheuert. "Sie kann die Welt so erklären, dass auch ich das verstehe", scherzte er damals. Bis heute berät sich Bush täglich mit seiner Ministerin, die ledige Rice ist auch privat befreundet mit dem Ehepaar Bush. Weithin wird in Washington kritisiert, die Außenexpertin Rice hätte damals ihre einmalige Stellung nutzen müssen, um Bush vor dem Fiasko im Irak zu warnen - vor der viel zu geringen Truppenzahl, vor dem Fehlen einer Nachkriegsplanung, vor fragwürdigen Geheimdienstinfos.
Bei allen Versäumnissen bewies Rice einen sicheren Instinkt fürs politische Überleben. "Von all den Spitzenplanern, die neben dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten an der Vorbereitung des Irak-Kriegs beteiligt waren, ist nur noch sie in einem hohen Amt", bemerkt Frank Rich, Kolumnist der "New York Times". Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wurde von Bush entlassen, Rice nicht. Im August stellte ihr Sprecher Sean McCormack klar, dass sie Bush bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2009 begleiten will. Danach werde sie auf ihren Lehrstuhl an der Universität Stanford zurückkehren.

Ambitionen aufs Weiße Haus
Dabei hatte es eine Zeitlang so ausgesehen, als spiele Rice durchaus mit dem Gedanken an eine Kandidatur für Bushs Nachfolge. Kessler enthüllt in seinem Buch "Die Vertraute", dass sie vor zwei Jahren selber derartige Spekulationen befeuerte: Sie ließ einen befreundeten Journalisten bitten, sie auf einer Pressekonferenz nach einer möglichen Kandidatur zu befragen. Rice verneinte höflich, doch das Thema war in der Welt. Damals ließ die Ministerin auch kleine Einblicke in ihr streng gehütetes Privatleben zu: Ein TV-Team begleitete sie ins Fitnessstudio, Reporter durften die begabte Pianistin beim Proben beobachten. Dies wurde als Versuch gewertet, sich einem breiteren Publikum vertraut zu machen. Doch die Rufe nach einer Präsidentschaftskandidatur sind verstummt.