Nicht nur in Brandenburg brechen zu viele Studierende ihr Studium ab. Nach Einschätzung des Deutschen Zen-trums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) verlässt bundesweit fast jeder dritte Bachelor-Student seine Ausbildung vor dem Examen. In Brandenburg sind das bis zu 8000 Abbrecher.

Genaue Statistiken gibt es in den Hochschulen nicht, weil bislang nur die Exmatrikulationen nach endgültig nicht bestandenen Prüfungen registriert werden. Die Wissenschaftler am DZHW haben dafür die Zahlen der Einschreibungen in bestimmten Jahrgängen und der Absolventen (aus 2012) abgeglichen. Für Ex-Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (SPD) war das ein unhaltbarer Zustand. Sie regte eine bessere Betreuung der Studierenden, intensive Beratungsangebote in allen Phasen des Studiums sowie Tutorien und Mentoring-Programme an.

"Wir nehmen das Problem auch angesichts des Fachkräftemangels sehr ernst", erklärte damals Ministeriumssprecher Stephan Breiding. Denn besonders hoch sei die Abbrecherquote in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. "Dort herrschen in den ersten Semestern hohe Anforderungen, weil Grundlagenwissen gelernt werden muss", erläuterte Breiding. Der vorgesehene Ausbau der dualen Studiengänge mit gleichzeitiger Ausbildung in Betrieben sei ein gutes Mittel, eher praxisbezogene Studenten bei der Stange zu halten.

Die BTU Cottbus-Senftenberg bringt jetzt ein Projekt auf den Weg, das den Forderungen von Politik und Hochschulforschung gerecht wird.

Während das viel gelobte College an der neu gegründeten BTU auch Interessenten ohne Abitur für den Start ins Studium fit macht, heißt das neue Angebot College-Plus. Wie der BTU-Vizepräsident für Lehre und Studium Prof. Matthias Koziol gegenüber der RUNDSCHAU betont, handelt es sich dabei in erster Linie um ein Orientierungsstudium. "Wir wollen anbieten, die Startbedingungen für ein Studium zu verbessern", sagt Koziol. Bei vielen Studieninteressierten gehe es zudem darum, in zwei freiwilligen Vorsemestern herauszufinden, ob der anvisierte Studiengang der richtige ist. Koziol verweist darauf, dass getestet werden könne, ob die getroffene Studienwahl tatsächlich den Neigungen und Fähigkeiten entspricht.

Allerdings sei dies nur die eine Seite der Medaille. College-Plus, das zum bevorstehenden Wintersemester 2016/17 mit maximal 25 Interessierten beginnt, will vor allem Nachholbedarf in technischen Fächern ausgleichen. "Mathematik steht für die technischen Studiengänge ganz oben an", sagt der Vizepräsident. Es gehe um den Ausgleich von Defiziten. Die Kenntnisse sollen auf eine solide Basis gestellt werden. Ebenso bedeutsam ist die Vervollkommnung der Sprachkenntnisse in Englisch.

Ein weiterer Vorteil: Es werden Vorstudien-Module angeboten. Im Modul "Schlüsselkompetenzen" sollen etwa die für das Studium notwendigen Kompetenzen und Techniken vermittelt werden. Diese erleichtern das spätere Fachstudium, das sich so effizienter gestalten lässt. Im ersten und zweiten Semester können die Studierenden bis zu drei Studiengangsmodule aus dem gewünschten Fachstudium auswählen und bereits vor dem Studium absolvieren. Erfolgreich abgeschlossene Modulprüfungen werden im sich anschließenden Fachstudium angerechnet.

"Das Konzept ist vorbildlich", erklärt Prof. Dr. Wilfried Müller, von 2007 bis 2011 Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Sprecher des Projektes "nexus - Übergänge gestalten, Studienerfolg verbessern" der HRK in Bezug auf das College-Plus. "Es schließt an gelungene Versuche anderer technischer Universitäten an. Bei Umsetzung des Konzeptes werden sich vermutlich die Erfolgs-Quoten in den Ingenieurwissenschaften noch deutlich erhöhen", erklärt Müller.

Wenngleich sich das neue Orientierungsstudium an der BTU erst noch etablieren muss, hält Prof. Matthias Koziol den auf eine Studienverlängerung verweisenden Skeptikern entgegen: "Theoretisch ist das natürlich ein zusätzliches Jahr. Aber das Jahr davor könnte letztlich das Jahr danach oder sogar den Studienabbruch ersparen."

Zum Thema:
Wer im College-Plus der BTU Cottbus-Senftenberg eingeschrieben ist, erhält über ein breit angelegtes Orientierungsangebot in Fachvorlesungen und durch Kontakte mit anderen Studierenden Einblicke in 15 technische Studiengänge der Universität. Darunter sind sowohl universitäre als auch fachhochschulische Studienangebote. Ebenso lernen die Studienanfänger im College-Plus das spätere berufliche Tätigkeitsfeld nicht nur theoretisch kennen. Denn fester Bestandteil des Vorstudiums ist es, Absolventen der Universität im Rahmen des sogenannten Job Shadowings an ihrem Arbeitsplatz zu begleiten.