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| 01:03 Uhr

Codewort „Mädchen“: Angeklagter gesteht Terrorpläne in Deutschland

Eine Zeichung des mutmaßlichen Leibwächters von Osama bin Laden im Gerichtssaal des Oberlandesgerichtes Düsseldorf.
Eine Zeichung des mutmaßlichen Leibwächters von Osama bin Laden im Gerichtssaal des Oberlandesgerichtes Düsseldorf. FOTO: Foto: dpa
Konkrete Ziele wurden bereits ausgekundschaftet, Spreng stoff und Handgranaten waren bestellt. Deutschland ist im vergangenen Jahr dem Geständnis eines mutmaßlichen Terroristen zufolge nur knapp schweren Anschlägen aus dem Umfeld von Al Qaida und Osama bin Laden entgangen. Von Frank Christiansen

Es sollte Juden in Berlin und Düsseldorf treffen, gestand der Palästinenser gestern vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht und räumte auch seine Mittäterschaft ein.

Rat des Richters gefolgt
Der Angeklagte folgte einem eindringlichen Rat des Vorsitzenden Richters Ottmar Breid-ling und sagte aus, dass die Pläne schon deutlich weiter gediehen waren, als bislang zugegeben. Das Jüdische Museum in Berlin, eine Diskothek in der Düsseldorfer Altstadt und eine von Juden besuchte Gaststätte seien als Ziele diskutiert worden. Je nach Ort sei der Einsatz einer Autobombe oder von Handgranaten erwogen worden, berichtete der wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagte Palästinenser.

Terrorzelle mit vier Leuten
Er habe sich um die Waffen und die sonstige Ausrüstung gekümmert. Die Terrorzelle habe aus vier Leuten bestanden. Das Codewort für die Anschlagziele war "Mädchen", sagte der Angeklagte weiter. Als Tarnwort für Sprengstoff hätten sie "Schwarze Pille" verwendet, Handgranaten seien als "Äpfel" bezeichnet worden. Die Anschläge hätten sich dann aber verzögert, weil noch Gruppenmitglieder illegal aus dem Iran geschafft werden sollten.
Er habe sich sogar zu einem Selbstmordanschlag bereit erklärt, "obwohl ich im Innersten eigentlich nicht dazu bereit war", sagte der Angeklagte im schwer bewachten Hochsicherheitstrakt des Gerichts. Zuvor sei er zur Terror-Schulung in Afghanistan gewesen, als dort noch die Taliban regierten. In Kabul habe er sich "in sehr gut besuchten Kursen" mit Anschlag-Logistik und Giftkunde beschäftigt. Ein Chemiker aus Ägypten habe gelehrt, wie aus alltäglichen Stoffen tödliches Gift gewonnen werden könne. Auch der Einsatz in Lebensmitteln und Getränken sei gezeigt worden. Testweise habe man einige Hasen getötet, berichtet der 26-Jährige, der nach eigenen Angaben in Kandahar zeitweise Leibwächter des Terroristenführers Osama bin Ladens war.

BKA hatte Informationen
An belebten Orten sollten die Anschläge verübt werden, so viel wusste das Bundeskriminalamt bereits aus abgehörten Telefonaten. Am 18. April 2002 wurde der Palästinenser deswegen festgenommen. Dank seiner umfassenden Aussagen gilt er inzwischen als Kronzeuge gegen den islamistischen Terrorismus in Deutschland. Für den Angeklagten gilt die höchste Gefährdungsstufe, er wird rund um die Uhr bewacht und ist trotz Fotografierverbots im Gerichtsbunker mit einer Perücke verkleidet.
"Ich selbst habe Informationen über zwei Anschlagorte gesammelt", gestand er. Eines der ins Visier genommenen Ziele lässt die Ermittler aufhorchen: Ein von Juden frequentiertes Café auf der Düsseldorfer Oststraße liegt nur wenige hundert Meter vom Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn entfernt, wo im Juli 2000 bei einem ähnlichen Sprengstoff-Anschlag zehn überwiegend jüdische Opfer schwer verletzt wurden. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Zusammenhänge geprüft
"Wir haben das geprüft. Bisher gibt es keinen direkten Zusammenhang", sagt der Düsseldorfer Staatsanwalt Ralf Herrenbrück auf Anfrage. "Die zeitlichen Abläufe passen nicht." Das Verfahren werde aber weiterhin genau auf mögliche Verbindungen beobachtet.