Es ist frisch an diesem Sonntag. Trotzdem haben sich mehr als Hundert Menschen vor dem Schinkelturm in Letschin (Märkisch-Oderland) versammelt und entrollen ihre handgemalten Transparente. „Neutrebbin sagt Nein“ steht darauf, oder „Kein CO2 auf meinem Land“.

Die Menschen aus dem Oderbruch protestieren gegen eine mögliche Lagerung von verpresstem Kohlendioxid in ihrer Region. Jeden ersten Sonntag im Monat treffen sich die Widerständler zu einer Mahnwache in Letschin, tauschen Neuigkeiten aus, sammeln Unterschriften, Mitstreiter.

Der evangelische Pfarrer Frank Schneider kann heute den einstimmigen Beschluss seines Gemeindekirchenrates verkünden: „Wir sperren alle unsere Äcker für Probebohrungen.“ Er erntet Beifall, auch von Manfred Wercham, 56 und seiner Frau Monika, 57. Wercham ist Bauer und hat bei seinen Berufskollegen bereits einen ähnlichen Beschluss durchgesetzt. 100 private Landwirte und Agrargenossenschaften haben für insgesamt 30 000 Hektar Ackerland ein „Erkundungsverbot“ ausgesprochen. Damit verlassen die Landbesitzer irgendwann den Boden der Legalität, doch das ist ihnen egal. „Schnurzegal“, sagt Pfarrer Schneider, der „mal eine deutliche Ansage machen will, dass seine Heimat nicht taugt zur Müllkippe der Gesellschaft“. Darin ist er sich einig mit den Bauern, auch mit Manfred Wercham, der „Speerspitze“ des Widerstandes. „Natürlich sind wir für Klimaschutz“, sagt der. „Wir wirtschaften nachhaltig, wollen regenerative Energien, intelligente Lösungen. Nicht jetzt schon unseren Enkeln Probleme aufhalsen, die eigentlich wir selbst lösen müssen.“

Diese „Enkelfrage“ wird oft debattiert im Oderbruch. Hier ist Bauernland, hier denkt man in Jahrzehnten. Bäume, die man heute pflanzt, bringen erst der übernächsten Generation Erträge. „Und wer kann uns denn wirklich garantieren, dass nicht in 20 oder 30 Jahren etwas schief läuft mit dem CO2? Dann ist der Boden vielleicht nicht mehr nutzbar, und unsere Nachkommen stehen mit leeren Händen da.“

Manfred Wercham war oft in der Lausitz, hat sich umgesehen und demonstriert gegen neue Tagebaue. „Unsinnige Vernichtung von kostbarem Land“ ist das für ihn, und wenn die Kohle irgendwann alle ist, stünde die Lausitz wieder mit leeren Händen da, sagt er.

An Nachhaltigkeit fehle es, das sagt auch der Tierarzt Ulf Stumpe. Der 29-Jährige betreibt mit seiner Mutter im 20 Kilometer entfernten Wriezen eine Tierarztpraxis und ist führender Kopf einer Bürgerinitiative gegen das CO2. Gegen die Abscheidung und Verpressung sei er nicht generell. „Aber im Oderbruch gibt es zu viele Unwägbarkeiten.“ Das Land sei zu flach, der Grundwasserspiegel zu hoch.

Die größten Sorgen der Bevölkerung beziehen sich auf Verdrängungsprozesse in den tiefen Gesteinsschichten. Wird das Kohlendioxid dort unter hohem Druck hineingepresst, gelangt hochkonzentrierte Sole, so die Befürchtung, eventuell auch in Grundwasser führende Schichten. Und da im Oderbruch kein lebensmittelreines Gas unter die Erde gebracht werden soll, ist die Angst groß, dass neben Versalzung auch eine Vergiftung durch Beimischungen etwa mit Arsen oder Blei droht.

Vattenfall hat auf die Ängste der Bevölkerung reagiert. Ein Bürgerbüro in Beeskow (Oder-Spree) bietet besorgten Anwohnern die Möglichkeit, ihre Fragen zu stellen und sich mit Informations-Broschüren zu versorgen. Transparenz und Vertrauen will man schaffen. Doch das Bürgerbüro hat noch nichts daran geändert, dass am Ortseingang von Beeskow ein überdimensionales Protestschild steht und sogar der Balkon des Rathausgebäudes am Marktplatz für den Widerstand genutzt wird.

Auch Manfred Wercham, Vorstandsmitglied des Landesbauernbundes, war schon mehrfach im Beeskower Büro. „Aber was bringt die ganze Transparenz? Verhindern will ich die Lagerungen, sonst nichts.“

Er bewirtschaftet 287 Hektar bestes Ackerland im Oderbruch. Weizen, Erbsen, Raps. Sein Sohn Lutz, 23, will den Hof übernehmen, wenn die Eltern in Rente gehen. „Aber was ist das Land wert, wenn es vollgepumpt ist?“

Schon jetzt, so erzählt Monika Wercham, seien Häuser in der Nachbarschaft unverkäuflich. Auch ihre Familie hat größere Investitionen auf Eis gelegt, bis der CO2-Plan vom Tisch ist. Die Bauern hier stehen in engem Kontakt mit Schleswig-Holstein. „Da wurden Bohrungen schon gekippt“, sagt Monika Wercham und verweist auf 100 000 gemeinsame Protestunterschriften.

In Norddeutschland hatte es einen erfolgreichen Schulterschluss zwischen Politik und Bevölkerung gegeben. „Hier vor Ort hatte uns die Linke Unterstützung versprochen“, sagt Manfred Wercham. „Vor der Wahl.“ Er sagt: „Ich wähle jetzt die Grünen. Die sind zwar für Wölfe und Biber. Aber gegen CO2.“