Ihr Machtbereich im Sadschaija-Viertel in der Stadt Gaza galt als letzter Stützpunkt der Fatah nach der gewaltsamen Machtübernahme der radikalislamischen Hamas im Ju ni 2007. Unter neun Toten bei heftigen Kämpfen mit der Hamas-Polizeimiliz am Samstag waren vier Mitglieder der Chilles-Familie, darunter ein 14-Jähriger. Auch ein Großteil der 180 Fatah-Flüchtlinge, die nach Israel entkamen, waren Clanmitglieder.

Großer Einfluss
Wie in vielen anderen arabischen Gesellschaften haben die Familienclans im Gazastreifen traditionell einen großen Einfluss auf das soziale und politische Gefüge. An der Spitze eines jeden der Dutzenden von Clans steht als Oberhaupt der „Muchtar“, der unter anderem an der Lösung von Stammesfehden beteiligt ist, oft in Zusammenarbeit mit den Behörden. Gemeinsam bilden die Clan-Oberhäupter einen einflussreichen Rat. „Ohne die Clans geht nichts im Gazastreifen“, erläutert ein palästinensischer Journalist.
In dem Palästinensergebiet am Mittelmeer unterhielten die Clans traditionell enge Verbindungen mit den herrschenden Mächten, bis 1917 mit den 400 Jahre in Palästina regierenden Osmanen, später den Briten, den Ägyptern und den Israelis. Nach Unterzeichnung der Friedensverträge mit Israel übernahm die Palästinensische Autonomiebehörde 1994 die Kontrolle im Gazastreifen. Seit gut einem Jahr müssen die Clans sich jedoch mit dem Hamas-Regime arrangieren.
Während der Herrschaft der Autonomiebehörde des im November 2004 gestorbenen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat waren die meisten Clans loyal gegenüber seiner Fatah-Bewegung, darunter auch die Chilles-Familie. Viele Familienmitglieder erhielten Schlüsselpositionen innerhalb der Autonomiebehörde. Nach der Machtübernahme der Hamas gerieten sie daher in die Opposition.
Einen weiteren einflussreichen Clan im Gazastreifen bildet die Dugmusch-Familie, die im vergangenen Jahr mehrere Ausländer entführte, darunter den BBC-Reporter Alan Johnston. Sie gründete die Armee des Islam nach dem Vorbild des Terrornetzwerks Al Qaida. Sie ist es, die vor mehr als zwei Jahren gemeinsam mit Hamas und den militanten Volkswiderstandskomitees den israelischen Soldaten Gilad Schalit verschleppte, der noch immer nicht wieder auf freiem Fuß ist. Doch ungeachtet der ideologischen Parallelen kam es zuletzt auch zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen Hamas und der Armee des Islam.

Flucht nach Israel
Bei den neuen Kämpfen am Wochenende wurde Ahmed Chilles – ranghoher Fatah-Repräsentant und eines der führenden Mitglieder seines Clans – schwer verletzt, er konnte nach Israel fliehen. Hamas wirft der Familie vor, hinter dem Bombenanschlag zu stehen, bei dem vor gut einer Woche in Strandnähe fünf Hamas-Mitglieder und ein Mädchen getötet worden waren, doch Fatah hat dies vehement zurückgewiesen. Sollte es Hamas gelingen, sich die großen Clans im Gazastreifen mit militärischer Macht zu unterwerfen, hätte die radikalislamische Organisation ihre Alleinherrschaft in dem engen Küstenstreifen endgültig besiegelt.