Die kommunistische Führung prangert heute die Leibeigenschaft im alten Tibet an. Diese "mittelalterlichen Zustände" hätten mit der Auflösung der tibetischen Regierung vor 50 Jahren ein Ende gehabt, wird die chinesische Fremdherrschaft gerechtfertigt. Zehntausende Tote"Demokratische Reformen" hätten den früheren Leibeigenen Land, Vieh sowie Produktionsmittel und schließlich den Fortschritt gebracht. "Doch der Dalai Lama will das alte Tibet wiederherstellen", wird dem religiösen Führer der Tibeter vorgeworfen.Unterschlagen wird, wie heftig sich die Tibeter damals gegen diese "Befreiung" wehrten und dass Zehntausende im Widerstandskampf gegen die Chinesen ums Leben kamen. Erwähnt wird auch nicht, dass Tausende Klöster zerstört wurden. Verschwiegen wird ferner die Verfolgung in der Kulturrevolution (1966-76). Erst mit den marktwirtschaftlichen Reformen in China Anfang der 80er-Jahre wurde auch Tibet entwickelt. Der spätere Parteichef Hu Yaobang war 1980 bei einem Besuch in Tibet erschrocken, dass die Bedingungen noch schlechter waren als vor 1959. Die Partei habe "das tibetische Volk im Stich gelassen", schimpfte er.Es war auch Hu Yaobang, der bei ersten Kontakten mit Vertretern des Dalai Lama 1981 gesagt hatte, es solle keine kleinlichen Streitereien über die Vergangenheit geben. Doch nach den Unruhen im März 2008 bringen Chinas neue Führer die Geschichte wieder ins Spiel. Dabei bestreitet niemand, dass das alte Tibet rückständig und die tibetische Gesellschaft höchst ungleich war. Über die Situation der Leibeigenen gibt es aber verschiedene Darstellungen. Westliche Historiker sprechen auch von schlichten Abgabenverhältnissen der Bauern zu Großgrundbesitzern. "Der Dalai Lama erkennt bereitwillig an, dass Tibet vor 1959 ohne Zweifel eine äußerst arme Gesellschaft war und dass es große Ungerechtigkeiten gab", sagte Kate Saunders von der Internationalen Tibetkampagne. Dass der Dalai Lama aber ein Reformer sei, beweise schon die Tatsache, dass die heutige exiltibetische Regierung demokratisch legitimiert sei - ganz im Gegensatz zur Führung in Peking. "Es gibt keinen Zweifel, dass Tibet ohne chinesische Herrschaft seinen eigenen Weg der Modernisierung gegangen wäre", sagt Saunders."Verfehlte Politik"Die Unruhen in Tibet seien das Erbe von fünf Jahrzehnten verfehlter chinesischer Politik in Tibet, sagen Kritiker, die von "Kolonialismus" sprechen. Von "Befreiung" lasse sich nicht reden. "Das tibetische Volk kann doch am ehesten beurteilen, ob es sich "befreit" fühlt", sagt die exiltibetische Regierung. Wenn sie glücklich wären, "warum riskieren sie ihr Leben, um gegen die chinesische Herrschaft zu protestieren"?