Chile tut sich schwer mit dem Tod Pinochets. Tief gespalten weiß das Land nicht recht, wie es mit dem bitteren Erbe des Tyrannen umgehen soll. Schon am Tag seines Ablebens am Sonntag prallten die Gegensätze krass aufeinander. Während Tausende jubelnder Menschen den Tod des früheren Militärmachthabers mit Sekt und Gesängen feierten, schrien dessen Anhänger ihre Trauer und Wut in die Fernsehkameras vor dem Militärhospital. Schluchzend wie über den Tod eines nahen Angehörigen stammelten sie ihr Entsetzen in die Mikrofone. Andere bewarfen die Journalisten mit Flaschen, Münzen und allem, was zur Hand war. Die Medien sind für sie Teil einer "linken" Verschwörung gegen ihren "Retter des Vaterlandes vor dem Kommunismus".

Freude, aber auch Wehmut und Zorn
Auch auf Seiten der Opfer der Militärdiktatur und der politischen Linken wallten die Emotionen auf. "Fahr' zur Hölle" stand auf Plakaten. Mit Hupkonzerten und tanzend machten sie ihrer Freude über den Tod Pinochets Luft. Aber auch Wehmut und Zorn darüber, dass Pinochet nun doch einer Strafe entgangen ist, mischten sich in die Reaktionen. "Dieser Verbrecher hat sich verabschiedet, ohne für alle die Taten bestraft worden zu sein, die während seiner Diktatur begangen wurden", klagte etwa der Menschenrechtsanwalt Hugo Gutíerrez.
Zu frisch noch sind die Erinnerungen an das Sportstadion in Santiago, wo Gegner Pinochets nach dem Putsch am 11. September 1973 zusammengetrieben wurden. In den Umkleideräumen folterten und mordeten seine Schergen. Traurige Berühmtheit erlangte auch die Todeskarawane, die bereits inhaftierte Gegner aus den Zellen zerrte und kurzerhand erschoss. Fast alle der etwa 3500 Opfer wurden erst ermordet, als die Gefahr einer linken Revolution schon gar nicht mehr bestand. Es handelte sich wie in den Nachbarländern Argentinien und Uruguay eher um ein Willkürregime, das sich an kein Recht und Gesetz mehr gebunden fühlte.
Dass dies mit dem Tod Pinochets alles ungesühnt bleibt, mag mit ein Grund dafür sein, dass das zunächst friedliche Freudenfest später in Gewalt umschlug. Eine kleine Gruppe vermummter Jugendlicher, die Pinochets Diktatur höchstens noch vom Hörensagen kennt, lieferte sich stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei, schlug Schaufensterscheiben ein, demolierte Ampeln und setzte Autos in Brand.
Angesichts dieser aufgeladenen Stimmung musste der Leichnam Pinochets in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Militärkrankenhaus abtransportiert werden. Während die Polizei vor dem Gebäude ein Ablenkungsmanöver startete, wurde der Sarg mit den sterblichen Resten des Despoten in einem unscheinbaren grauen Lieferwagen sozusagen durch die Hintertür davon gefahren. Bevor die Anhänger, die Journalisten oder gar die Gegner Pinochets etwas bemerkten, war der Sarg schon in der sicheren Offiziersschule im Stadtteil Las Condes eingetroffen.

Staatsbegräbnis verweigert
Dort wurde er gestern im offenen Sarg und in Offiziersuniform aufgebahrt. Die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, selbst unter Pinochets Diktatur gefoltert, verweigert ihm ein Staatsbegräbnis. Militärische Ehren aber sollen ihm als ehemaligem Chef der Streitkräfte bei der heutigen Beisetzung schon erwiesen werden.
Dieser Kompromiss ist bezeichnend für den bisherigen Umgang der zwar gefestigten, aber doch auch ängstlichen Demokratie Chiles. Seit dem Ende der Pinochet-Diktatur vor 16 Jahren versuchen es die demokratischen Regierungen, allen alles recht zu machen. 1990 endete zwar die Diktatur, aber der Diktator wurde sofort Chef der Streitkräfte. Als er dann aus britischem Hausarrest 2000 zurückkehrte, durfte die Justiz zwar ermitteln. Die Demütigung, ihn vor Gericht zu stellen und zu verurteilen, wurden ihm und seinen rechten Anhängern aber erspart. Selbst die mehrmals verhängten Hausarreste wurden stets schnell wieder aufgehoben, zuletzt am Montag vor einer Woche. Der Schatten Pinochets ragt weit über seinen Tod hinaus und wird Chile noch lange beschäftigen.