Der letzte Vorstoß der Oberbürgermeisterin brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Per Brief hatte Barbara Ludwig (SPD) Bahnchef Rüdiger Grube zum Gespräch eingeladen. Um zu besprechen, ob die über 100 Jahre alte Eisenbahnbrücke doch noch zu retten sei. Die Einladung ließ Grube unbeantwortet. Er ließ stattdessen vergangene Woche per Brief ausrichten, dass alles laufen solle, wie geplant. Chemnitz soll eine neue Fernverkehrsanbindung bekommen. Die Brücke muss dafür weichen.

Sachsens Metropole Nummer drei droht so, ein Denkmal zu verlieren, das durchaus Qualitäten eines Wahrzeichens hat. Manche nennen es "Viadukt", andere "Viadukt Chemnitz", einige sogar "Chemnitztalviadukt". So oder so, die Brücke, die im Stadtgebiet über zwei Straßen und den Fluss Chemnitz führt, ist mehr als eine schlichte Brücke. Es ist ein Stahl-ungetüm aus dem Industriezeitalter mit zwölf Bögen. Einst führten vier Gleise darüber, heute sind noch zwei geblieben. Die Chemnitzer lieben ihr Viadukt, weil es für die Industriegeschichte der ganzen Region steht und weil es als Rest des alten Chemnitz den Krieg überlebt hat.

Es steht aber auch als Mahnmal da für die größte Niederlage der Stadt der Nachkriegsgeschichte: Vor zehn Jahren verlor Chemnitz den Anschluss an den Fernverkehr. Seitdem fahren in und um die Stadt der Moderne nur noch Regional- und Bummelzüge. Eine solche verkehrspolitische Degradierung ist für eine Großstadt schwer zu verkraften - und ist auch bundesweit einmalig. Damit das nicht so bleibt, will die Bahn zeitnah wieder IC-Züge durch Chemnitz leiten. Ab 2022 die der Linie Rostock-Berlin-Dresden-München - zehn Jahre später dann auch in Richtung Aachen. Doch dafür muss das Viadukt weg.

Chemnitz hält dagegen. In einer Online-Petition unterschrieben 7000 Leute für die Sanierung. Sie sei überzeugt, "dass auch bei Sanierung des bestehenden Brückenbauwerks die notwendigen Parameter für die Trasse erreicht werden können", schrieb OB Ludwig Anfang Februar an Grube. Das Bauwerk besitze "in der Bürgerschaft von Chemnitz einen außerordentlich hohen Stellenwert". Die Bahn hingegen habe bei den Planungen im Jahr 2003 nach Ansicht der Rathauschefin "dem Denkmalschutz nicht den entsprechenden Stellenwert eingeräumt".

Die Bahn argumentiert dagegen mit den Kosten. Die alte Brücke abzureißen und eine neue hinzustellen kostet gemäß Planung 12,3 Millionen Euro - die Sanierung dagegen mehr als 20 Millionen. Daran erinnerte der Konzernbevollmächtigte für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Eckart Fricke, die Rathauschefin kürzlich per Brief. Ganz zu schweigen von den 300 000 Euro an jährlichen Unterhaltskosten für das Viadukt.

Dessen Abriss ist ohnehin nur noch schwer zu verhindern, denn die Bahn hat im November die Neubauvariante zum Planrechtsverfahren beim Eisenbahnbundesamt eingereicht. Das konnte auch eine Gemeinschaftsinitiative aller Chemnitzer Landtagsabgeordneter nicht verhindern.

Mitte Januar versuchten es die drei heimischen Bundestagsabgeordneten noch mal mit einem offenen Brief an Grube. Darin heißt es, die Grundlagen für die Entscheidung von 2003 hätten sich inzwischen entschieden geändert: "Der finanzielle Aufwand für die Rekonstruktionsmaßnahmen war im Gegensatz zu heute nicht abbildbar." Eine Antwort steht noch aus.