"Ich bin gerade über eine Leiche gefahren", sagt einer hörbar lachend, der eigentlich Verletzte bergen soll. Das Video, das später unter dem Titel "Collateral Murder" ("Mittelbarer Mord") bekannt werden sollte, zeigt den Tod unschuldiger Menschen - darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.

Die US-Armee hielt es geheim, auch für die Hinterbliebenen. Bis es einem jungen Computerexperten der Streitkräfte in die Hände fiel. Sein Name: Bradley Manning. Damals gerade 20 Jahre alt, spielte er das Video als Teil einer immensen Datensammlung aus dem Irak heraus der Enthüllungsplattform Wikileaks des australischen Whistleblowers Julian Assange zu. Hunderttausende Dokumente fanden den Weg dorthin, wo sie nach Auffassung der US-Behörden keinesfalls hin sollten - in die Öffentlichkeit. Die Welt war erregt.

Die USA, die ihre Soldaten gerne als Helden im Dienste des Guten in der Welt darstellen, waren blamiert. Es war quasi die inoffizielle Geburtsstunde von Wikileaks und auch der Startschuss eines erbitterten Kampfes der USA gegen das Enthüllen geheimer Dokumente.

Zehn Jahre nach den Schüssen von Bagdad hat sich viel getan: Mannings heißt nicht mehr Bradley, sondern Chelsea und ist inzwischen eine Frau. Zu 35 Jahren Militärhaft unter anderem wegen Spionage und Kollaboration mit dem Feind verurteilt, kam sie nun am Mittwoch aus dem Gefängnis frei. Als deutlich veränderter Mensch. Ob Manning ein gebrochener Mensch ist, muss sich zeigen. "Wie konnte ich nur glauben, als einfacher Soldat die Welt verändern zu können", hieß es in ihrem Geständnis. Folterähnlichen Methoden soll sie ausgesetzt gewesen sein. Sie gab an, sie sei in Isolationshaft gehalten worden, habe sich in der Zelle nackt ausziehen müssen. Mindestens zweimal versuchte sie, sich umzubringen.

Das Verfahren gegen Manning war der erste richtig große Prozess gegen einen Whistleblower. Ein Präzedenzfall: Was passiert jemandem, der das mächtigste Land der Welt herausfordert? 35 Jahre Haft, das Urteil fiel den Erwartungen entsprechend aus.

Das öffentliche Urteil über Chelsea Manning ist gespalten. In Europa gilt sie vielen als Heldin. Manning war mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert, mehrere Menschenrechtspreise wurden ihr zuerkannt. Für die meisten in den USA ist Manning eine Verräterin. US-Präsident Barack Obama, dessen Regierung für harte Haftbedingungen und eine strenge Linie gegen Whistleblower stand, verkürzte Mannings Haft kurz vor Ende seiner Präsidentschaft.