Ägypten steht 22 Monate nach dem Rücktritt von Langzeitmachthaber Husni Mubarak am Scheideweg. Die Wähler sollen am heutigen Samstag darüber entscheiden, ob ihr Heimatland eine islamisch-kapitalistische Republik werden soll. Die Religionsgelehrten würden dann über die Rechtmäßigkeit von Gesetzesvorlagen urteilen und die Polizei über die "Moral" der Bürger wachen.

Scharia nicht einzige Rechtsquelle

Die Muslimbrüder und die mit ihnen verbündeten Salafisten sind die Väter dieser neuen Verfassung. Zwar konnten die Salafisten, die als Juniorpartner der Muslimbruderschaft in der Verfassungsgebenden Versammlung vertreten waren, nicht durchsetzen, dass die Scharia in dem Dokument als einzige Quelle des Rechts festgelegt wurde. Doch der Entwurf für die neue Verfassung ist aus ihrer Sicht "immerhin schon mal ein Schritt in die richtige Richtung".

Die Parteien der Islamisten konnten bei der ersten Parlamentswahl der Post-Mubarak-Ära mehr als 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Dennoch ist nicht sicher, dass ihre Verfassung bei der Abstimmung am heutigen und am kommenden Samstag angenommen wird.

Denn vor allem die Muslimbrüder hatten in den ersten Monaten nach der sogenannten Revolution vom 25. Januar noch von alten Sympathien aus ihrer Zeit als verfolgte Oppositionsbewegung profitiert. Das ist heute anders. Was den Islamisten allerdings in die Hände spielt, ist die chaotische Performance der Opposition, die aus Linken, Liberalen und einigen moderaten Islamisten besteht. Erst versuchte die Opposition wochenlang vergeblich, Mursi zu einer Verschiebung des Referendums zu bewegen. Als er sich darauf nicht einließ, drohten die Gegner der Islamisten mit einem Boykott der Abstimmung. Davon ließen sich die Islamisten aber nicht beeindrucken. Schließlich gab das größte Oppositionsbündnis - die Nationale Rettungsfront - drei Tage vor dem Referendum die Parole aus: "Geht zur Abstimmung und stimmt mit Nein!"

Ein Song erklärt die Verfassung

Da es nun schon sehr spät war, gaben die Oppositionellen noch einmal richtig Gas. Die Revolutionsbewegung 6. April komponierte rasch einen Song, in dem die umstrittenen Artikel des Verfassungsentwurfs so erklärt werden, dass dies auch ungebildete Bürger verstehen können. Die Partei des Yuppie-Predigers Amr Chaled erklärte: "Wir werden dagegen stimmen, weil dieser Entwurf nicht das Ergebnis einer nationalen Willensbildung ist."

Dass sich die Islamisten bei ihrem Marsch durch die Institutionen nicht so einfach aufhalten lassen werden, ist den meisten Ägyptern klar. Der Koordinator der oppositionellen Rettungsfront, Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei, hat es jetzt trotzdem erneut versucht. Kurz vor Beginn der Abstimmung rief er Präsident Mursi noch einmal auf, das Referendum abzusagen. Die Islamisten fanden diesen Vorschlag einfach nur absurd.