Massenproteste haben in Bulgarien den Rückzug der bürgerlichen Regierung erzwungen. Nach neuen Ausschreitungen reichte Ministerpräsident Boiko Borissow (Gerb) am Mittwoch mit seinem gesamten Kabinett den Rücktritt ein. Trotzdem wollten die Demonstranten ihre Proteste im ganzen Land fortsetzen. "Ich werde nicht an einer Regierung teilnehmen, wenn die Polizei sich mit den Leuten schlagen muss", sagte Borissow im Parlament. Mehrere Hundert Anhänger Borissows bekundeten dagegen am Parlament ihre Unterstützung für seine Partei Gerb (Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens). Borissow hatte sein Amt im Juli 2009 mit den Versprechen übernommen, das ärmste EU-Land zu modernisieren, die Einkommen auf mitteleuropäisches Niveau anzuheben und die Korruption wirksamer zu bekämpfen. Doch wegen der drastischen Sparpolitik, die das Etatdefizit weit unter drei Prozent hielt, blieb auch der Lebensstandard vieler Bulgaren weit unter dem EU-Schnitt. Bei Protesten in der Hauptstadt Sofia war es am Dienstagabend erneut zu schweren Ausschreitungen gekommen. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die Polizei nahm Demonstranten fest, die Rauchbomben, Knallkörper und leere Flaschen warfen.

Die Aktivisten, die seit Tagen Bulgariens Tagesordnung bestimmen, gehören zu keiner der etablierten Parteien. Die über das Internet in rund 30 Städten organisierten Menschen haben auch kein geschlossenes politisches Konzept. Ihre Proteste richten sich gegen ausländische Monopole ebenso wie gegen die traditionellen Politiker und deren Parteien.

Soziologen warnten, dass Bulgarien in Anarchie versinken könnte, da der Druck der Straße unberechenbar sei. Die Aktivisten fordern für sich die Quote von 50 Prozent in allen staatlichen Kontrollbehörden wie etwa für die Energieversorgung. Politisch verlangen sie Wahlen für eine Große Volksversammlung, die die Verfassung ändern solle.