Den Champignons geht es gut. Eine Klimaanlage sorgt für mollige 24 Grad, Torf für die weiche Unterlage. Acht Wochen brauchen die kleinen weißen Knöpfe, bis sie erntereif sind. In mehreren Etagen wachsen die Pilze links und rechts des Ganges auf Gestellen, die an Stockbetten erinnern. Außerhalb des Bunkers herrscht noch bitterer Winter, die Füße von Dariusz Ochryniak versinken bis zum Knöchel im Schnee. Seit drei Jahren züchtet der Ortsbürgermeister von Brozek (Scheuno) und Zasieki (Berge) darin seine Champignons und verkauft sie auf dem Großmarkt in Berlin. Das Geschäft läuft.

Häuschen neben den Bunkern
Der 51-Jährige war früher Berufssoldat, nach der polnischen Wende arbeitslos. Im trostlosen Grenzort Zasieki mit seinen wenigen verstreuten Häusern gibt es schon lange keine Arbeit mehr. An den Tankstellen und Zigarettenbuden arbeiten Leute von außerhalb. Zuerst versuchte es Ochryniak mit einer Bar in Gubin, dann kam ihm die Idee mit den Champignons. „Seit meiner Kindheit kenne ich das Gelände der alten Sprengchemie. Wir haben dort gespielt, Waffen gefunden und bei den Soldaten abgegeben“ , erzählt er. Sein gerade renoviertes Häuschen in Brozek steht nur wenige hundert Meter von den dicht bewachsenen Bunkern entfernt.
Insgesamt 400 soll es davon auf dem 400 Hektar großen Gelände geben, teilweise unterirdisch. Denn die Sprengstoff-Fabrik Scheuno war ein Geheimprojekt der Nationalsozialisten und sollte aus der Luft nicht sichtbar sein. Als eines von acht Werken der Deutschen Sprengchemie GmbH gehörte die Fabrik zur IG Farben. 1939 wurde in dem ehemaligen Waldstück des Grafen von Brühl mit dem Bau begonnen und bis 1945 fortgesetzt. Teilweise unter Einsatz von Zwangsarbeitern, zu denen auch viele Polen gehörten. „Die Lage an der Neiße und die Nähe zur Eisenbahnlinie Berlin-Breslau war günstig“ , sagt der Forster Heimatforscher, Hans-Joachim Schulz. Nach Kriegsende wurde die Fabrik unversehrt der Roten Armee übergeben. „Keine einzige Fliegerbombe fiel auf Scheuno, dabei flogen ganze Geschwader darüber hinweg“ , berichtet der Hobby-Historiker, der in Forst-Berge geboren ist. Über zehn Jahre hat er Besuchergruppen über das unwegsame Gelände geführt. Doch nach zwei Unglücken darf er das nicht mehr. Im Jahr 2003 kamen zwei polnische Studenten bei einer Explosion ums Leben, als sie sich während eines Ausflugs eine Zigarette in einem Bunker angezündet hatten. Fast genau ein Jahr später starb ein 37-Jähriger beim Durchtrennen von alten Leitungen, in denen offenbar noch ein explosives Gemisch war. Seitdem gilt bis auf das Privatgelände von Dariusz Ochryniak: Betreten verboten. „Der Bürgermeister von Brody lässt mich erst wieder drauf, wenn das restliche Gelände nach Sprengsätzen abgesucht worden ist. Dafür fehlt allerdings das Geld“ , berichtet Hans-Joachim Schulz.
Kurz nach dem zweiten Unglück hatten polnische Soldaten drei Viertel der Fläche nach Sprengstoff- Überresten abgesucht. Dariusz Ochryniak hält deren Arbeit für Geldverschwendung. Seiner Meinung nach sind die in unterirdischen Rohren schlummernden Nitroglycerinrück stände gefährlicher als die noch auf dem Gelände verstreuten Granaten oder andere Kriegsgefechtsüberreste von 1945. Glycerintrinitrat, umgangssprachlich Nitroglycerin genannt, ist sehr giftig und kann bei Hautkontakt oder Einatmen Gesundheitsschäden hervorrufen. 400 Tonnen Nitroglycerin-Pulver wurden in Scheuno zu Kriegszeiten monatlich produziert.

Fehlende Konstruktionspläne
Laut historischen Quellen gab es in vergleichbaren Werken damals Vergiftungserscheinungen bei Mitarbeitern, denen vorsorglich Vollmilch dagegen verabreicht wurde. Was heute an Altlasten auf dem Gelände lauert, weiß niemand so genau. „Wenn wir nur wüssten, wo die Leitungen verlaufen sind“ , sagt der Bürgermeister von Brozek und Zasieki. Doch die Suche nach den Konstruktionsplänen blieb bislang erfolglos.
Da Ochryniaks Bunker am Rande des Fabrikgeländes liegen, geht er davon aus, dass sie als Lagerhallen gedient haben. „Genau weiß ich es aber nicht“ , erklärt er. Bedenken, dort Pilze zu züchten, hat er trotzdem nicht. Schließlich hat er eine Genehmigung von der Gemeinde Brody. Außerdem werden die Champignons einmal jährlich von der polnischen Lebensmittelbehörde kontrolliert. „Es gab noch keine Beanstandungen“ , berichtet der Pilzzüchter. Seine Berliner Abnehmer hätten noch nie nach Kontrollergebnissen gefragt.
Trotz der teilweisen Sperrung des Geländes verkauft die Gemeinde Brody (Pförten) immer mehr Bunker. „Etwa 200 sind noch in ordentlichem Zustand“ , erzählt Dariusz Ochryniak, der selbst elf besitzt. Als er die ersten vor drei Jahren erstanden hat, waren sie noch deutlich günstiger. „Heute werden bis zu 10 000 Zloty, etwa 2500 Euro, dafür verlangt“ , berichtet er. Bislang hat sich allerdings nur noch eine Metallschleiferei angesiedelt. Die anderen Gebäude fallen langsam in sich zusammen, verschwinden im Pflanzendickicht.