Es geht derzeit hektisch zu in der Union. Dank Karlsruhe. Nachdem das Bundesverfassungsgericht homosexuellen Paaren mehr Rechte bei Adoptionen eingeräumt hat und voraussichtlich auch noch vor der Sommerpause über die steuerliche Gleichstellung von Lebenspartnerschaften entscheiden will, laufen die Drähte heiß zwischen führenden Christdemokraten.

Es wird darum gerungen, ob die CDU ihre wohl letzte konservative Bastion räumen soll oder nicht. Dem Vernehmen nach hat Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag die Richtung vorgegeben. Merkel habe sich erbeten, das Thema bitteschön zunächst der Fraktion zu überlassen, hieß es am Sonntag aus Regierungskreisen gegenüber der RUNDSCHAU.

Außerdem habe es die Kanzlerin als klug erachtet, wenn sich nicht diejenigen äußerten, die ohnehin Befürworter einer Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe seien. Stattdessen müssten die Skeptiker jetzt neue Einsichten präsentieren, um in die Union positiv hineinzuwirken. Die Diskussion sei damit "von ganz oben" dirigiert worden, hieß es.

In der Tat melden sich derzeit jene besonders laut zu Wort, die einen Kurswechsel bei der Homo-Ehe lange Zeit skeptisch gegenüber gestanden haben. Allen voran der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder (CDU). Kauder wollte bislang die Ehe von Mann und Frau nicht geschmälert sehen. Jetzt sagt er: "Es ist selbstverständlich, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt werden muss und umgesetzt werden wird." Dabei werde auch geprüft, ob daraus steuerrechtliche Konsequenzen resultierten.

Von Kauder weiß man, dass er es überhaupt nicht mag, wenn Karlsruhe die Regierung antreibt. Also will er jetzt nicht nur die Adoptionen, sondern gleich die steuerlichen Fragen mitregeln, um die heikle Debatte möglichst noch vor der Sommerpause und der Bundestagswahl vom Tisch zu bekommen. Ins Visier gerät damit die Ausweitung des Ehegattensplittings. Nach Berechnungen des Finanzministeriums würde es den Staat 30 Millionen Euro kosten, wenn er die 23 000 Lebenspartnerschaften mit der Ehe steuerrechtlich gleichstellte. Zum Vergleich: Ehepaare sparen durch das Ehegattensplitting rund 15 Milliarden Euro Steuern.

Vielleicht erfolgt bei der steuerrechtlichen Neuregelung aber auch die Umwandlung in ein Familiensplitting, wie es zum Beispiel CDU-Vize Julia Klöckner seit Langem fordert. Das wäre dann die Förderung für Menschen mit Kindern.

Auf ihrem Parteitag im vergangenen Dezember hatte die CDU die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe allerdings noch mit Zweidrittel-Mehrheit abgelehnt. Mehr Rechte für homosexuelle Paare sind für viele in der Union immer noch schwer verkraftbar - nachdem Merkel der Partei schon die Abschaffung der Wehrpflicht, den Ausstieg aus der Atomkraft oder ein Ja zu Lohnuntergrenzen zugemutet hat. Thomas Bareiß vom konservativen Berliner Kreis warnt deshalb: "Wenn wir unsere letzten Stammwähler verlieren wollen, müssen wir mit dieser Debatte nur so weitermachen."

Auch die CSU hat bereits Widerstand angekündigt. Von zentraler Bedeutung sei, dass Ehe und Familie weiter privilegiert würden. Wobei Merkel vorerst gelassen bleiben kann: Die Kanzlerin hat schließlich die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts hinter sich.