Nach vier Wochen Verhandlungen folgt an diesem Donnerstag die Stunde der Wahrheit. Am Vormittag stellen CDU-Regierungschef Stanislaw Tillich und SPD-Chef Martin Dulig in Dresden ihre Ergebnisse vor. Die werden, noch ganz vorläufig, als "Schwerpunkte einer möglichen gemeinsamen Regierungsarbeit der kommenden fünf Jahre" angekündigt. Denn noch steht beiden Vertragspartnern der Prüfgang durch die eigenen Parteien bevor. Entscheidend dafür ist das übernächste Wochenende. Am 7. November stimmt die Union über den Koalitionsvertrag ab. Zwei Tage später zählen die Sozialdemokraten das Votum ihrer 4353 Mitglieder aus.

Linke blickt nach Thüringen

Derweil strahlen die Erfurter Ereignisse bis nach Dresden. Die Empfehlung des Landesvorstands der Thüringer SPD, eine Koalition mit Linken und Grünen zu bilden, bleibt nicht ohne Folgen für die sächsischen Verhandlungen. Vor allem aber für die sächsische Opposition. Linken-Chef Rico Gebhardt sieht einen "Ansporn für uns in Sachsen, beim nächsten Mal ein mehrheitsfähiges Reformbündnis zu schaffen". Auch für die Energiewende, ist Gebhardt überzeugt, könnte Thüringens wahrscheinlich nächster Regierungschef, der Linke Bodo Ramelow, wichtige Impulse setzen. Die Grünen fordern indes einen Runden Tisch der Energiepolitik, bei dem der Strukturwandel in den Braunkohlegebieten von Lausitz und Leipziger Südraum diskutiert werden soll. "Das Umsteuern von Vattenfall wird für die neue sächsische Regierung zu einem energiepolitischen Elchtest werden", ist der Grünen-Landtagsabgeordnete Gerd Lippold überzeugt. Auf Ebene der Parteien ist man sich einig. Anfang der Woche beriet sich Lippold in Stockholm mit der Fachspitze der schwedischen Grünen. Beide Seiten sprachen sich gegen das Abbaggern weiterer Dörfer in Ostdeutschland aus. In eigener Mission reist nächsten Montag SPD-Chef Martin Dulig nach Schweden. In einer Delegation gemeinsam mit der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion und Gewerkschaftsvertretern will Dulig klären, welche Pläne die neue schwedische Regierung mit dem Staatsunternehmen Vattenfall hat. "Wir müssen für unsere Energiepolitik aus den Entscheidungen die richtigen Schlüsse ziehen." Man wolle eine gemeinsame Lösung finden, um die Energiewende voranzutreiben und Arbeitsplätze zu erhalten, betont Dulig.

Für den SPD-Spitzenmann ein entscheidender Akt, um Wirtschaftskompetenz zu beweisen. Denn daran gebricht es Sachsens Sozialdemokraten aus Sicht der Wähler. Das räumte Dulig beim Parteitag am Freitag in Dresden freimütig ein. Was in der von Postenspekulationen erhitzten Atmosphäre durchaus als Hinweis gewertet werden kann, dass die SPD nicht das Wirtschaftsministerium beansprucht. Gerüchte sahen den 40-Jährigen selbst bereits auf dem Stuhl, den derzeit noch der FDP-Mann Sven Morlok warm hält.

Dulig als Sozialminister

Als wahrscheinlicher gilt derzeit die Variante, nach der Dulig der nächste Sozialminister wird. Ob die SPD die geforderten drei Ministerien bekommt, hängt auch von der Besetzung in der zweiten Reihe ab. Informierte Kreise sahen bereits die SPD-Frau Petra Köpping als neue Chefin der Landesdirektion. Wenig scharf auf einen Kabinettsstuhl zeigen sich Eva-Maria Stange und der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung. Petra Köpping indes war bereits als Chefin der Landesdirektion im Gespräch.