Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich die Christdemokraten des Landes derzeit nicht beklagen. Mit der Kandidatur der Brandenburger Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann für das Amt der Ludwig-Stellvertreterin ist nicht nur bei Journalisten die Hoffnung verbunden, dass es wenigstens ansatzweise zu dem längst fälligen offenen Schlagabtausch über den Kurs der Partei kommt. Denn sowohl der politische Kurs, den Ludwig vorgibt, sondern auch ihr Führungsstil sind in der Partei hinreichend genug umstritten.

B islang aber wagte sich keiner der Kritiker aus der Deckung. Es ist auch keiner ersichtlich, der das Format besitzt, die Kritik an Ludwig so zu bündeln und zuzuspitzen, dass daraus eine echte Alternative erkenntlich wird. Die Auseinandersetzungen in der brandenburgischen CDU kreisen im Wesentlichen um zwei Konfliktfelder. Eines davon ist eher personell geprägt und mit der Rivalität zwischen Ludwig und dem Landtagsabgeordneten Sven Petke verknüpft. So ist es auch kein Zufall, dass Tiemann jetzt für den Posten kandidiert, den Petke frei machte .

Solche Auseinandersetzungen sind in der deutschen Parteienlandschaft Alltag und für Beobachter immer Anlass zu allerlei mehr oder weniger interessanten Geschichten. Sie werden in der vergangenen Zeit aus einer Reihe von nachvollziehbaren Gründen zumeist von den profilierten Frauen gewonnen und Angela Merkel ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der andere, tatsächlich bedeutsamere Streitpunkt ist der politische Kurs, den die Christdemokraten Brandenburgs einschlagen und das Angebot, das sie damit dem Wähler machen. Da steht die Partei am Samstag vor einer interessanten Alternative. Ludwig hat bereits zu Zeiten der Regierungsbeteiligung der CDU erkennen lassen, dass sie eine deutliche Abgrenzung zum damaligen Koalitionspartner SPD für notwendig hält. Sie ist jetzt dabei, daraus einen nicht ganz widerspruchsfreien, stark dem konservativen Flügel der Partei zuneigenden Konfrontationskurs zur rot-roten Koalition zu machen. Der ist mit vielerlei Risiken verbunden, zumal er auch eine kritische Distanz zum eigenen Agieren in den zehn Jahren der Regierungsbeteiligung beinhaltet. Dies führte fast folgerichtig zu einer teilweise sehr persönlichen und mit aller Härte ausgetragenen Konfrontation mit Matthias Platzeck, dem nach wie vor überaus populären SPD-Ministerpräsidenten. Platzeck spitzt dabei auch gerne zu und manche seiner Sprüche erinnern an jene Tiraden, mit denen einst Gerhard Schröder der heutigen Bundeskanzlerin jede Befähigung absprach .

Ob und inwieweit der Ludwig-Kurs tatsächlich ein angemessener Weg für Brandenburg ist, weiß derzeit keiner. Das Land ist seit zwanzig Jahren geprägt von der Suche nach parteiübergreifendem Konsens. Abgrenzung zwischen politischen Gegnern, gar Streit um die Zielvorstellungen wird gerne als wesensfremd, als Westimport denunziert, und bislang ist der große Harmonielehrer Platzeck damit auch gut gefahren. Ob man dem eher mit klarer Ansage oder mit geschmeidiger Anpassung begegnet, ist nicht nur für die CDU eine offene Frage. Die Grünen, ein anderer möglicher Koalitionspartner der Platzeck-SPD, reagieren in dieser Frage zuweilen ebenfalls gespalten .

Ti emann steht für eine Politik, die nicht nur Rücksicht nimmt auf Platzecks dominierende Stellung, sondern den Brandenburger Wählern auch parteiübergreifend ein alles überlappendes Harmoniebedürfnis unterstellt. Tiemann selbst sagt, sie wolle eine Kurskorrektur. Tatsächlich läuft dies allerdings auf einen Kurswechsel hinaus, der fast zwangsläufig eine neue Parteivorsitzende bedingen würde. Tiemann hält sich in dieser Frage allerdings sehr bedeckt, und dieses Zaudern ist wohl auch ihr größtes Handicap. Die von ihr propagierte Kurskorrektur wird sie so nich t erreichen.