Die feinen Gesichtszüge der blonden Frau spiegeln sich verzerrt in der riesigen Fensterfront. Es ist extra verstärktes Sicherheitsglas. Darauf klebt in Großbuchstaben "DIE LINKE". Es ist die Partei, für die sie im Bundestag sitzt. Deren Vize-Bundeschefin sie ist. Und für die sie das Hoyerswerdaer Wahlkreisbüro unterhält, vor dessen zerborstener Scheibe sie, Caren Lay, auch an diesem Tag wieder kopfschüttelnd steht.

Eigentlich fühlt sich die Politikerin in der Hoyerswerdaer Neustadt sicher. Das Arbeiterviertel mit Bergbautradition sei eine der wenigen roten Hochburgen in der Lausitz, sagt sie. Eigentlich. Denn ihr gläsernes Büro an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße ist immer wieder Zielscheibe für Attacken aus der rechten Ecke: Hakenkreuz-Schmierereien, verfassungsfeindliche Aufkleber, eingeworfene Scheiben oder direkte Drohungen von Neonazis zählten in den letzten Monaten dazu. "Wir nehmen diese Angriffe nicht auf die leichte Schulter, werden aber weiter offensiv damit umgehen", erklärt Lay. Die 40-Jährige ist es gewohnt, sich durchzuboxen. Das Kind einer Arbeiterfamilie ist in einer rheinländischen Kleinstadt aufgewachsen. Der Vater Kfz-Schlosser, die Mutter Buchhalterin. "Ich gehörte nicht zu den Kindern, die mit dem dicken Auto und Eigenheim der Eltern angeben konnten." Caren Nicole, so ihr bürgerlicher Name, besuchte als Erste der Familie das Gymnasium. Es folgte der klassische Weg einer Linkenbiografie.

Karrierestart mit Redenschreiben

Als "politisches Mädchen" organisiert sie Demos gegen den Golfkrieg, tritt aus der katholischen Kirche aus und beginnt ein Studium der Soziologie in Marburg und Frankfurt/Main - Unis, die als linke Kaderschmieden bekannt sind. "Mein Weg in die Politik war aber eher Zufall." Lay stolpert bei ihrer Jobsuche über eine Stelle als Redenschreiberin - im Verbraucherministerium von Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen). Damit beginnt ihr steiler Aufstieg ins Obergeschoss der Bundespolitik.

Szenenwechsel. Heute ist sie eine der acht Spitzenkandidaten der Linkspartei. Mit PDS-roter Jacke sitzt sie in ihrem Berliner Büro. Es liegt im Regierungsviertel, gegenüber des ARD-Hauptstadtstudios. Bewacht von Polizisten, erreichbar nur über eine Sicherheitsschleuse. Nicht so angreifbar wie in Hoyerswerda. Ein buntes Poster hängt an der holzgetäfelten Wand. Darauf steht in kyrillischen Buchstaben "Fusion" - ein mecklenburgisches Musikfestival mit dem Flair des "Ferienkommunismus".

Von Zusammenschlüssen hält Lay auch hinsichtlich der Linkspartei viel. Die Gründung 2007 aus PDS, WASG und in der DDR sozialisierten Altlinken unterstützte die ostdeutsche Politikerin mit westdeutschen Wurzeln aktiv: "Ich verstand mich als eine Art Bindeglied". Im Rückblick einer der spannendsten Prozesse ihrer Karriere, schiebt sie unaufgeregt hinterher. Allerdings ist sie weit davon entfernt, der Linkspartei einen Nimbus zu verleihen. Das SED-Erbe sieht die pragmatische Modernisiererin naturgemäß kritisch: "Man muss ganz klar mit bestimmten Seiten der DDR brechen". Und auch für die Machtkämpfe an der Parteispitze zwischen Alphatieren wie Oskar Lafontaine, Dietmar Bartsch und Gregor Gysi hat sie wenig Verständnis. Nichtsdestotrotz beerbte Lay 2010 Bartsch als Bundesgeschäftsführerin.

Und dann ist da noch das Frauenbild auf dem politischen Parkett. Auch in einer Partei wie der Linken, von denen knapp die Hälfte der rund 64 000 Mitglieder Frauen sind, spielt Sexismus eine Rolle. "Selbst bei uns dominieren Männerbünde die entschiedenen Netzwerke", sagt Lay. Sie selbst hat als junge Politikerin oft erlebt, nur in ihrer Weiblichkeit wahrgenommen zu werden.

Aber nicht die Gender-, sondern die Verbraucher-Politik dominiert ihren Alltag. Wenn sie beispielsweise im Rechtsausschuss des Bundestags sitzt. Dort geht es um Gesetzentwürfe, wie den zum unseriösen Inkasso. Lay fokussiert die Sachverständigen, die mit juristischen Spitzfindigkeiten um sich werfen. Ein erhabenes Lächeln bekommen nur zwei - die, die Tacheles reden und sich klar gegen Abmahnwellen von Anwälten aussprechen.

Lay ist nicht der knallharte Politikprofi mit gusseisernem Grinsen. Sie muss Menschen nicht ihren Einfluss spüren lassen. Weder ihre Mitarbeiter noch Parteifreunde oder flüchtigen Begegnungen. In gelösten Momenten spürt man, dass hinter der Fassade noch eine andere steckt - ein Single, der in der alternativen Dresdner Neustadt lebt, snowboardet oder Oliver Koletzki hört. "Ich habe in meinem Politikstil auch immer das Gefühl, Neuland zu betreten", erklärt sie.

Wahlkampf in ganz Deutschland

Diese Authentizität nutzt Lay. In TV-Shows von Stefan Raab genauso wie im anstehenden Wahlkampf. Über den Wahlkreis Bautzen will die Pfälzerin erneut in den Bundestag ziehen. Will die Bodenhaftung über die Gespräche vor Ort nicht verlieren und gleichzeitig quer durch die Republik touren. Fünf Städte in vier Tagen sind schon jetzt keine Seltenheit. Klar, dass dieser große Trubel kleine Schatten unter ihre Augen wirft.

Oder der Ärger um die Aufhebung ihrer Immunität, weil sie im Februar 2011 als Abgeordnete an einer Anti-Nazi-Blockade in Dresden teilnahm. Ihr Kommentar auf Twitter dazu lautete: "verheerendes politisches Signal".

Und nicht zuletzt ist da der Ärger über die Angriffe auf ihr Hoyerswerdaer Büro. Daran entzündet sich ein Grundproblem unserer Gesellschaft, sagt Lay: "Egal, ob bei der Polizei oder in der Stadt - es wird zu oft verschwiegen, weggeschaut, wenn es um rechte Straftaten geht". Diese Strategie des Schweigens zu durchbrechen, treibt sie an.

Zum Thema:
Caren Lay wurde 1972 in Neuwied (Rheinland-Pfalz) geboren. Ihr Abitur legte sie im nahegelegenen Andernach ab und engagierte sich früh in der Friedens- und Umweltbewegung. Das anschließende Studium der Soziologie, Politik und Frauenforschung führte sie nach Marburg, Frankfurt/Main, Pennsylvania (USA) und Berlin.Von 2000 bis 2003 arbeitete sie als parlamentarisch-wissenschaftliche Beraterin in der PDS-Fraktion im sächsischen Landtag. Danach war sie Referentin für Verbraucherschutz im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.Zwischen 2004 und 2009 saß sie als Vize-Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion.PDS im sächsischen Landtag. Ab 2007 war Lay Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion.Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und verbraucherpolitische Sprecherin der Linken. Zwischen 2010 bis 2012 stieg sie zur Bundesgeschäftsführerin der Linken auf, seit Juni 2012 ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende.