Noch vor der offiziellen Abstimmung verlässt die BWL-Studentin Jeanine Konrad weinend den Senatssaal. Auch ihrem Kommilitonen Steffen Zschech ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als er eine Stunde später den Senatssaal der Hochschule Lausitz in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) verlässt. Trotz seiner ambitionierten Rede zum Erhalt des BWL-Studienortes Senftenberg hat das Gremium mit sieben zu drei Stimmen den von ihm vorgetragenen Antrag zur Neuabstimmung des geplanten Umzugs der BWL nach Cottbus mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Keine Qualitäts-Debatte

Der Schock sitzt tief bei dem 25-Jährigen, denn die Studenteninitiative hatte sich ein knapperes Ergebnis versprochen. „Wir haben kurzfristig unsere Strategie geändert und uns deshalb zumindest ein Unentschieden erhofft“, gesteht er. Das hätte für eine Neuabstimmung und damit für einen neuen Versuch, Argumente für Senftenberg zu finden, gereicht.

Das zentrale Argument der Studenten, dass mit der BWL-Verlagerung nach Cottbus die bisher guten Lehrbedingungen an der Hochschule massiv gefährdet sind, hält Hochschulpräsident Prof. Dr. Günter H. Schulz für nicht schlüssig. Er begrüßt zwar die sachliche und faire Diskussion, betont aber nachdrücklich: „Die Qualität der Lehre wird nicht sinken.“ Die Befürchtungen der Wirtschaftsingenieure, ihnen werden Wirtschaftsexperten als Ansprechpartner vor Ort fehlen, seien übertrieben, so Schulz. Die jeweiligen BWL-Fachkräfte ließen sich problemlos organisieren. Das sei lediglich eine Frage der Dienstleistung. Die Hochschule werde auch mit dem Umzug ausreichend Wirtschaftsexperten am Hause beschäftigen, versichert Günter Schulz. Für die Hochschule würden durch den Umzug der BWL die Vorteile überwiegen.

Der Wechsel nach Cottbus führt dazu, dass sowohl Hochschule Lausitz als auch die Brandenburgische Technische Hochschule (BTU) Cottbus BWL-Studiengänge in einer Stadt anbieten. Ein Verdrängungswettbewerb befürchtet BTU-Sprecherin Marita Müller jedoch nicht: „Die Studenten haben genaue Vorstellungen, was sie von ihrem Studium erwarten“, sagt Marita Müller auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Das habe sich daran gezeigt, dass es zwischen Hochschule Lausitz und BTU nahezu keine Doppelbewerbungen für das BWL-Studium gegeben hat. Ob sich jedoch beide Studiengänge parallel in Cottbus halten lassen, ist offen. Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) hatte erst am Montag betont, in Zukunft müssten wegen sinkender Studentenzahlen eventuell Studiengänge zusammengelegt werden. Das Wissenschaftsministerium konnte am gestrigen Dienstag keine Aussage dazu treffen, ob dies im Fall der Betriebswirtschaftslehre in Cottbus langfristig geplant ist.

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Schlag für Senftenberg

Für die Region Senftenberg ist der Weggang der Betriebswirtschaftler ein herber Verlust. „Der Landkreis und die Kreisstadt ohne den Studiengang Betriebswirtschaftslehre ist eigentlich unvorstellbar. Man denke nur an die Gastronomen in Senftenberg, die sicherlich den Weggang von 600 Studenten genauso zu spüren bekommen wie die Unternehmen, die damit potenzielle Fachkräfte vor Ort verlieren“, sagt Siegurd Heinze (parteilos), Landrat des Oberspreewald-Lausitz-Kreises. Jedoch, so Heinze, müsse er die hochschulinterne Entscheidung akzeptieren, wenn dadurch eine effiziente Struktur realisiert werden kann.

Auch Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) bedauert den Wechsel des Studiengangs von Senftenberg nach Cottbus. Durch die vielen technischen Studiengänge in Senftenberg, die über ein hohes Investitionsvolumen verfügten, sieht er trotzdem gute Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen Forschung, Wirtschaft und regionalen Unternehmen. „Zudem denke ich, dass die technischen Studiengänge trotz geringerer Studierendenzahlen eine positive Zukunftsperspektive haben und den Hochschulstandort Senftenberg langfristig sichern“, so Fredrich.

Hintergrund:
Sowohl an der Hochschule Lausitz (FH) in Senftenberg als auch an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus existiert ein Studiengang Betriebswirtschaftslehre (BWL). Von 3511 Studenten der Hochschule Lausitz (davon 2504 in Senftenberg) sind 569 bei BWL eingeschrieben. An der BTU, an der es den Studiengang seit zwei Jahren gibt, studieren von 6400 Eingeschriebenen 726 BWL.

Für Student Steffen Zschech ist dieser Dienstag ein trauriger Tag gewesen, obwohl bereits seit Jahren im Gespräch ist, die Betriebswirtschaftler nach Cottbus umziehen zu lassen. Um das Ruder noch einmal herumzureißen, hatten Studenten die Initiative „Pro Senftenberg“ gegründet und in der vergangenen Woche eine große Protestkundgebung mit rund 600 Studenten vor dem Konrad-Zuse-Medienzentrum in Senftenberg medienwirksam organisiert. Steffen Zschech muss trösten, dass er immerhin Rederecht vor dem Hochschulsenat bekommen hat und das Anliegen noch einmal vorbringen konnte. Für ihn hat die Hochschule bis zuletzt keine stichhaltigen Argumente für einen Umzug liefern können.